Ein unfreiwilliger Einblick ins kasachische Gesundheitswesen oder: Nierensteintherapie in zwei Tagen

Über Krankenhausbesuche möchte man in Reiseblogs eigentlich nicht schreiben, aber einen kleinen Einblick habe ich jetzt bekommen. Meine Erfahrungen im Vergleich zu Deutschland sind gemischt, vor allem die sehr kurzen Wartezeiten haben mich sehr überrascht.

Auslöser war Fieber, Blut im Urin und Schmerzen in der Leiste, meine Selbstdiagnose als Laie: Nierensteine!
Schweren Herzens brachte Birgit die bereits gekauften Zugtickets zurück, aber in den Zug hätte ich mich nur sehr schwer gequält und die Behandlungsmöglichkeiten sind in Almaty sicher besser als in Samarkand.

Mirgul rief für uns das Krankenhaus an und schon kurze Zeit später betrat ein junger Sanitäter unser Appartement. Dank Google-Translate funktionierte die übliche Befragung ziemlich schnell. Blutdruckmessen und dann Fahrt mit einem UAZ-Allrad-Krankenwagen (das sind die hiesigen Mini-VW-Busse) ins Städtische Zentralklinikum #2.

Kasachstan hat ein kostenloses (also steuerfinanziertes) Gesundheitssystem, zumindest für die grundlegenden Bedürfnisse. Dafür sieht es im Krankenhaus auch anders aus als auf deutschen Privatstationen.

Krankenhausflur sonntags

Krankenhausflur sonntags

Das Gebäude ist etwas überholungsbedürftig. Innen ein langer Gang, jedes Zimmer mit einer Nummer. Am Anfang werde ich bei der „Aufnahme“ abgegeben. In dem Zimmer befinden sich knapp 10 Personen, 3 sehen nach medizinischem Personal aus, der Rest sind Kranke.  Es ist nicht zu erkennen, wer wofür zuständig ist und wie die Reihenfolge der Patienten ist, außerdem bekommen alle Anwesenden alle Krankheitsgeschichten mit, da die Anamnese quasi öffentlich ist. Die Ärzte widmen die meiste Zeit ihrem  Handy (Handy während der Arbeitszeit ist hier in Kasachstan aber scheinbar normal und akzeptiert).
Relativ schnell bin ich an der Reihe, bekomme drei Zettel in die Hand mit dem Hinweis: Zimmer 3, dann Zimmer 1, dann Zimmer 10, dann zurück.
Ich habe schnell gelernt, dass man nicht vor dem Zimmer wartet, sondern einfach reingeht. Zimmer 3 war Schmerzspritze (die richtig fiesen kolikartigen Schmerzen hatte ich zum Glück nie) und Blutabnahme. Trotz des baulichen „Verbesserungspotentials“ stand auf dem Tisch ein modernes Siemens-Messgerät und in Nullkommanichts hatte ich meine Blutwerte an dem ersten Zettel geheftet.
Zimmer 1 dasselbe Spiel, diesmal Urinprobe. Wieder Siemens-Messgerät und Messwerte an den zweiten Zettel heften.
Zimmer 10 war der Ultraschall, hier wurde dann ein 4 mm großer Nierenstein diagnostiziert.
Zurück zu „meinem“ Ansprechpartner von der Aufnahme. Mit seinem sehr rudimentären Englisch und meinem sehr bescheidenen Russisch bekamen wir die Diagnose und das weitere Vorgehen kommuniziert:
– ich muss in eine Apotheke und 7 Medikamente besorgen (bis auf das Schmerzmittel konnte der Arzt aber nicht verständlich machen, wofür die da sein sollten)
– am nächsten Morgen ein MRT machen lassen (das ist dann doch nicht im kostenlosen Gesundheitswesen inbegriffen)
– dann mit dem Ergebnis zurück.
Und dann fragte er noch, ob ich gleich bezahlen könne, umgerechnet 12,50 Euro, ist ja kein Betrag für diese Untersuchungen. Klar kann ich, ob ich dafür eine Quittung für meine Versicherung haben könnte? Da schiebt er den Geldschein wieder zurück. Erst später lese ich im Internet, dass das Gesundheitswesen zwar kostenlos ist, aber ein „Tip“ an die Ärzte üblich, da die hier nicht zu den Spitzenverdienern gehören. Scheint so ein Mittelding zwischen Trinkgeld und Bestechung zu sein …

bittere Pillen

„bittere“ Pillen

Um kurz vor 1 bin ich schon wieder zurück in unserem Appartement, mein Rucksack mit den Utensilien für einen eventuellen Krankenhausaufenthalt habe ich nicht gebraucht.
Dann in die Apotheke ums Eck, die zum Glück sonntags auf hat, dafür aber auch nur 3 der 7 Medikamente – ist vielleicht besser für mich! Im Internet nach den Medikamenten gegooglet und via Whatsapp mit „meinem“ Nephrologen Ludwig in Deutschland (der aber gerade in der Schweiz auf Bergtour war) Rücksprache gehalten, es ist schon genial, wie die Smartphone-Technik helfen kann.

Montagmorgen um 8:30 mit dem Taxi zu „MRT Leader“, dort trotz fehlendem Termin quasi sofort drangekommen und um kurz vor 10 waren wir schon wieder daheim – so ein Tempo wünsche ich mir mal in Deutschland. Und das CT (MRT war es dann doch nicht) kostete gerade mal 55 Euro.

Drei Stunden später konnten wir die CT-Bilder und den Arztbericht abholen – sie konnten keinen Stein finden, nur (noch) eine Nierenbeckenentzündung. Damit wieder ins Krankenhaus. Nach dem sehr rationellen ersten Erlebnis war dieser Besuch eher „verstörend“: da es Montag war befanden sich noch mehr Menschen in dem Aufnahmezimmer, „mein“ Arzt von gestern war nicht da. Ein anderer Arzt(?) nahm dann die CT-Bilder, hielt sie aber kopfüber… und die beigelegte Diagnose von MRT-Leader las er gar nicht durch. „Kein Stein mehr – Ende der Behandlung!“ Das ging dann doch etwas schnell. Vom Anruf des Krankenwagens bis zum Abschluss der Nierensteintherapie keine 28 Stunden!!!

Schmerzen habe ich jedenfalls keine. Wir nehmen an, dass der Stein von selbst weitergewandert ist und verlassen uns auf unser medizinisches Halbwissen und die Hinweise von Ludwig:

Nierentee garantiert Bio.jpg

Nierentee- Bio

auf jeden Fall 10 Tage Antibiotika gegen die Entzündung, etwas Fiebersenkendes und dann leider die bitteren Nebenwirkungen
– kein Alkohol
– kein Kaffee
– keine Softdrinks wie Cola etc. !!!
stattdessen: Nierenteeeeeee

 

Wir sind optimistisch, dass es weiter bergauf geht (mag man als Radler sonst nicht unbedingt) und haben jetzt den Zug am Mittwochabend nach Usbekistan gebucht. Die Radstrecken dort werden wir vermutlich mit Zug/Bus/Taxi ersetzen.
In Zentralasien hat es gerade einen Kälteeinbruch, wir hatten heute morgen Schnee in Almaty. In Samarkand soll es regnen, da haben wir durch die Verzögerung nicht unbedingt was verpasst.

Dieser Beitrag wurde unter Kasachstan abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.