Turkmenistan – Transit durch die Diktatur

Ich sitze in der Bahnhofshalle von Turkmenabat , unser Zug Richtung Beyramaly fährt in 3,5 Stunden und Johannes ist mit dem Fotoapparat losgezogen.

 

 


Ich „bewache“ unsere Räder und habe Zeit zum Schreiben,  schaue dem Treiben um mich herum zu, lasse meine Gedanken schweifen. Und denke wie so oft auf dieser Reise:
Diese Auszeit war eine sehr gute Entscheidung! Wir genießen jeden Tag und freuen uns über die vielen tollen Menschen, denen wir begegnen. Und das Reisen macht demütig, wir spüren welch besonderer Ort Freiburg ist und dass das was wir so für selbstverständlich erachten überhaupt nicht selbstverständlich ist. Man lernt, das was man hat sehr zu schätzen! Ich stehe hier unterwegs jeden Morgen auf und freue mich auf das Neue das kommt. Aber ich freue mich auch, dass ich nächstes Jahr wieder in Freiburg sein werde und dort dieses Selbstverständliche wieder als ganz normal genießen kann. Ich werde pünktliche Busse und Fahrpläne wertschätzen, saubere Sitzklos genießen, und mich über gutes sauberes Trinkwasser freuen. Müllentsorgung werde ich mit anderen Augen sehen. Wie schön auch in einem Land zu wohnen,  das Menschenrechte achtet und mir als Frau alle Möglichkeiten offen lässt. Ich muss kein Kopftuch tragen, darf frei entscheiden wohin ich gehen oder welchen Beruf ich ausüben möchte! Und ich darf mir meinen Ehemann selber aussuchen.

Wir sind hier in Ländern unterwegs die nicht für Demokratie und Einhalten von Menschenrechten berühmt sind. Turkmenistan rangiert im Korruptionsrating fast ganz oben nahe bei Nordkorea und bei den Menschenrechten weit unten. Die anderen Ländern hier in Zentralasien sind da nicht viel besser. Der turkmenische Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow  regiert diktatorisch und mit harter Hand. Opposition wird unterdrückt und klein gehalten. Alles hat der Norm zu entsprechen. Die Schulkinder lernen keine Fremdsprache. Kritik wird nicht laut ausgesprochen,  überall sind Kameras oder Abhöreinrichtungen.

Aber Schluß mit sinnieren, ich freue mich über meine Freiheiten!!

Am letzten Abend in Buchara waren wir nochmal auf unsrer Lieblingsterasse ein Sonnenuntergangsbier trinken. Zuvor hatte ich noch eine „Kleiderbluse“ oder „Blusenkleid“ inclusive passenden Schal gekauft. Der Iran konnte nun kommen. In der Nacht hatte es geregnet (irgendwie ist das Wetter immer schlecht, wenn wir ein Land verlassen).

 

 

Bei trüber Wetterlage und tiefhängenden Wolken  radelten wir von Buchara Richtung Grenze. Unterwegs haben wir für unsere letzten 45.000 Sum noch Wasser, Cola gekauft  und in einem kleinen Dorf zu Mittag gegessen.
Und noch immer hatte ich 19.000 Sum in der Tasche. In der Truckerkneipe kurz vor der Grenze haben wir dafür noch Brot, Cola und Joghurt fürs Frühstück erstanden. Die letzten 1800 Sum (18 Cent) werde ich nicht mehr los.

Wir fahren an einer riesenlangen Schlange, von an der Grenze wartenden Ferntrucks, vorbei. Ein türkischer Fernfahrer erzählt uns, dass er hier 2 Tage warten muss,  bevor er nach allen Formalitäten,  Röntgen des LKW etc. nach Turkmenistan einreisen kann. Das wäre ganz schön scheiße, kam es sehr direkt.

 

 

Oh wei, was würde uns da wohl erwarten?
Kurz vor der Grenze wurden wir mehrmals angesprochen: Money change, money change

Das erste mal wurde uns für 10 Dollar  120 Manat angeboten  Offizieller Kurs Euro Manat ist 1 zu 4. Wir kommen etwas durcheinander Euro, Dollar,  Manat, beschließen aber das Angebot anzunehmen. Bei der zweiten Anfrage boten sie 150 Manat für 10 Dollar. Johannes versuchts, und forderte 160. Nach etwas zögern gingen sie darauf ein und wir tauschten nochmals 20 Dollar. Also war unser erster Tausch nur mäßig gewesen. Wir lernen!

Direkt vor der Grenze abseits der Straße fanden wir einen geeigneten Zeltplatz. Denn wir wollten gleich zu Beginn der Öffnungszeit der Grenzstation parat stehen. In Blogs hatten wir gelesen,  dass sich das Aus- Einreiseprocedere bis  über 4 Stunden  hinziehen könnte. Morgens sind wir dann zeitig die letzten 2 Kilometer zur Grenze geradelt. (nach 1 Monat Hotels  wieder die 1. Zeltnacht).

Das Ausreisen aus Usbekistan war nach 10 Minuten erledigt (mehrmals Reisepass zeigen,  Stempel,  fertig) – wow, das ging schon mal zackig!

Dann kam die Border Control von Turkmenistan :

Pass vorzeigen, weiter zum Office,  wieder Pass vorzeigen, dort wurden  uns jeweils 2 Zettel (Passengers Custom Deklaration/Zolldeklaration) ausgehändigt. Hier sollten wir unsere Bargeldbeträge, Wertgegenstände wie Foto, Handy, Computer samt Wert eintragen,  zurück zum Schalter, dort werden wir jetzt zur Kasse geschickt und müssen 12,-$ pro Person zahlen (Rausgeld gabs in Dollar!!) wieder zurück,  der Beamte will unsere tagscharfe Reiseroute wissen und fragt nach den Hotels in denen wir übernachten werden. Gut, dass wir das  vorher in vielen Blogartikeln von anderen Reiseradlern gelesen hatten- so hatten wir im Vorfeld schon nach Hotels gegoogelt und konnten Namen nennen (auch wenn wir nicht vorhaben das auch genau so zu machen). Irgendwie hat Johannes mit ihm dann alle fünf Tage mit Reiseroute und Übernachtungen ausgearbeitet und aufgeschrieben. Jetzt noch das obligatorische Foto und Daumenabdruck rechts und links.  Nach Stempel im Pass durften wir dann weiter zur Gepäckkontrolle.

Alle Taschen wurden geröntgt,  wir wurden nach Medikamenten und Zigaretten gefragt und dann sollte ich meine Taschen aufmachen und zum großen Teil ausräumen. Meine Homöopathiesche Reiseapotheke in der Tupperdose hat er nicht angeschaut.  Nach meinen vielen Beuteln mit Unterwäsche,  Klamotten, Wäscheklammern, Essensvorräten etc. 😀war er bei Johannes dann viel oberflächlicher ( und hat nur sehr spärlich drüber geschaut)  Gut so, so hat er die 1. Hilfe-Dose mit den Medikamenten nicht gesehen.  Vorsorglich hatte Johannes die Schmerzmittel umgepackt, und die Beipackzettel weggeworfen. Bei Schmerzmittel sind sie wohl sehr streng. Den Tip hatten wir auch in Reiseblogs gelesen. Danke an dieser Stelle für die vielen  hilfreichen Tips von anderen Radlern!!

Benzinkocher, Kochzeug und Computer haben ihn nicht interessiert.

Nach einigen netten Wortwechseln über unsere Reiseroute auf russisch durften wir los.

Alles zusammen hatte keine 90 Minuten gedauert. Das ging viiiiiel schneller als erwartet.


So, nun sind wir also in Turkmenistan.

Die sehr gute dreispurige Straße von der Grenze weg verläuft durch Baumwoll- und Getreidefelder. Das Wetter ist genauso trüb wie am Tag zuvor,  was die Landschaft irgendwie auch nicht aufhübscht.

Von Turkmenabat wollen wir den Zug nach Beyramaly nehmen, um morgen das alte Merv anzuschauen.
Gerade haben wir im Bahnhofcafe Fertigkaffee und Kuchen verdrückt um die Mittagspause zu überbrücken. Gezahlt haben wir 30 Manat. Noch fehlt uns das Gespür für diese fremde Währung. Wir rechnen schnell,  wenn wir offiziell und nicht schwarz getauscht hätten wäre der Preis für den Kaffee fast wie Zuhause. Wie machen das die Menschen hier. Sie verdienen so viel weniger.

Für die Zugfahrt haben wir am Schalter 30 Manat pro Person für Coupe (4er Abteil) bezahlt,  für die Fahrräder wollten sie nichts. Der Preis erscheint uns nun wieder günstig. Die Räder sollen in ein extra Gepäckabteil verladen werden. –  Schaun mer mal.

Überall hänge Porträts des Präsidenten herum (beim Reiten, beim Rennrad fahren, beim Beten, der Präsident ist wohl sehr aktiv 😉Fotoshop lässt grüßen),  Plakate mit blühenden Landschaften und strahlenden Menschen ergänzen das Ganze.

 

 

Das Einladen der Räder (das Gepäck konnten wir drauf lassen) in den Gepäckwagon am Ende des Zuges verlief total unkompliziert. Da Coupe gekauft, kostet der Transport der Räder wirklich nichts extra. Das 4er Abteil war super, jede Liegefläche hatte noch extra eine Matratze, sowie Kissen plus Wolldecke und etwas später wurde noch  Bettwäsche verteilt. Alles war sauber! Wir teilten uns das Abteil mit einer Turkmenin plus Sohn, der nach Mary in die Augenklinik musste. Die 6,5h Fahrt für 250 km konnten wir bequem schlafen.
Das Aussteigen und Ausladen der Räder um 22.30 ging genauso problemlos!  Ein Problem wurde aber dann, mitten in der Nacht – stockfinster! Wo war der Mond wenn man ihn mal braucht – einen geeigneten Zeltplatz zu finden. In Beyramaly und Umgebung hatte es leider den ganzen Tag ziemlich stark geregnet (wohl außergewöhnlich  für diese Gegend)  und durch den lehmigen Boden waren überall Pfützen. Sobald man die Teerstraße verließ stand man im Batz (für die Bayern) Schlonz (für die Freiburger) totale Matsche überall ! Wo bitte soll man hier zelten?  Etwas frustriert haben wir das Zelt dann auf einem kleinen Lehmhügel aufgebaut – dort war es am trockensten. (am nächsten Morgen sahen wir dann das blaue Schild unten am Hügel“ Reste einer Lehmburg“) 

Die Nacht war nicht die schönste auf unserer Reise, Lehm überall an den Klamotten, dicke Kruste an den Schuhen (und die Räder erst) und es war feuchtkalt – so macht Zelten keinen Spaß! Viele der Radler, die uns begegnet sind, waren hier in Turkmenistan bei einer Affenhitze von 45 Grad unterwegs. Bei  unsren 5-10 Grad und den Pfützen konnten wir uns das schwer vorstellen. Das alles, um die alte Seidenstraßenstadt Merv anzuschauen,  oder besser das was von ihr noch übrig geblieben ist. Ich finde nicht wirklich viel. Ob sich der Aufwand gelohnt hat, ich glaube da hatten Johannes und ich verschiedene Ansichten.

 

 


Etwas genervt sind wir (eigentlich nur ich) nach der Ruinenbesichtigung nach Mary, der jetzigen großen Stadt hier, geradelt. Im Zentrum protzige glänzende Bauwerke, „klein Ashgabat“😀. Beim Bezahlen im Café mussten wir nachhaken: was, 35 Manat für 2 Samsas und 2 Tütenkaffee? Dem englisch sprechenden Nachbarn erklärten wir, dass wir in Turkmenabat nur 3 Manat pro Samsa bezahlt hätten,  und das die Summe unmöglich stimmen könne. Plötzlich wurde die Summe auf 10 Manat korrigiert. Das sollte passen. Oh sorry, falsch verstanden, hieß es. Wir werden aber das Gefühl nicht los, daß immer wieder versucht wird, uns über den Tisch zu ziehen.
Wir beschlossen ca. 30 km hinter Mary, diesmal einen besseren, Zeltplatz zu suchen, um näher Richtung iranische Grenze zu kommen.

 

 

Der neue Zeltplatz war nun wieder eben, der Lehmboden fast wieder trocken,  nur sehr nahe an der 6 spurigen “ Autobahn“ und das Rauschen der Trucks begleitete uns die ganze Nacht.
Birgit: Wir wurden von einem wunderschönen Sonnenaufgang geweckt, aber es war s…kalt. Geheimrezept für diese Situation: warmer Kaffee,  das hilft fast immer!  Müsli (Vorräte hatten wir in Almaty gebunkert) und in Mary gekaufter Kefir (schmeckt hier wie unser Joghurt) – so darf ein Tag beginnen. Unterwegs trafen wir an einem Feld eine Gruppe Baumwollpflückerinnen. Sie winkten um uns anzuhalten. Wir wurden nach dem woher, wohin, Alter, Kinder etc. gefragt,  auch hier kamen uns unsere bescheidenen Russischkenntnisse zugute! Ich durfte mitpflücken, sehr zum Gekichere der Damen.

 

 

Nach dem Mittagessen in einer Truckerkneipe zweigte unser Weg von der großen Straße nach Ashgabat ab. Diese Piste hat den Namen Straße nicht wirklich verdient! Ein tiefes Schlagloch nach dem anderen, in unregelmäßigen Abständen gab es geteerte Stücke, dazwischen kurbelten wir um Pfützen und versuchten im Schlamm den bestmöglichen Weg zu finden. Rechts und links der Straße Matsch. Der Regen hat auch hier alles aufgeweicht. Kaum zu glauben,  dass hier im Sommer alles ausgetrocknet sein soll. Wir fuhren an Bewässerungskanälen für die endlosen Baumwollfelder entlang. Mehrmals wurden wir von zähnefletschenden Hunden verfolgt und wild angebellt. Oft half da nur noch Steine schmeißen. Etwas mulig war mir da schon!
Wir mussten lange suchen bis wir einen geeigneten Zeltplatz im Trockenen fanden. Zur Belohnung gabs frischen Kaffee aus unserer Frenchpress!  Kaffee gut, alles gut!

 

 

Johannes: warum schreit Birgit laut in die endlose Weite? Woher sollte ich denn wissen ob diese Straße nach Serakhs gut geteert ist? Ich weiß nur, dass ein Reiseradler in seinem Blog geschrieben hat, dass er hier durch gefahren ist und dass die große Straße außenrum 40 km länger ist. Die ersten 15 km waren super. Ok, die folgenden 10 km waren bescheiden. Und die darauf folgenden 15 km noch schlechter. Aber das weiß man leider erst hinterher! Und wie es außenrum gewesen wäre wissen wir auch nicht.
Zum Glück fanden wir noch einen halbwegs schönen Zeltplatz und glücklicherweise haben wir noch guten Kaffee in der Satteltasche!

PS: nicht ganz ernst gemeinter Verbesserungsvorschlag für die Firma Ortlieb, die unser Packtaschen herstellt. Bitte für alle Radler mit Hundephobie Lenkertaschen produzieren, die eine Außentasche für Steine, Pfefferspray und einen Teleskopstock haben 😀.
Da mitten im Nirgendwo und dank der mäßigen Straße hatten wir eine seelenruhige Nacht, gekrönt von einem prächtigen Sternenhimmel. Morgens glitzerte unser Zelt weiß, das Wasser im Kochertopf war gefroren. Das hieß es warten bis die Sonne das Zelt etwas abtrocknete. 

Zum Glück haben wir ja Kaffee dabei!!!

Das letzte Stück Straße Richtung Grenze war dann gar nicht so schlecht, zwischendurch fühle es sich soagar nach Fernradweg an. Kein Auto weit und breit und so konnten wir gemütlich nebeneinanderher radeln. In Serakhs haben wir unsere letzten Manat noch verprasst😉 Es hatte gut noch für ein Mittagessen und einen Großeinkauf im Dorfladen gereicht. Durch das schwarz Wechseln der 30 Dollar vor der Grenze und den Zeltübernachrungen kam uns Turkmenistan echt günstig. Veranschlagt hatten wir 500 Euro und ausgegeben 54 Dollar (inclusive Bearbeitungsgebühr bei der Einreise)

Das Ausreisen ging zügig. Pässe mehrmals zeigen, Zollzettel abgeben, Wieder ein Foto, wieder Daumenabdruck, Gepäck Röntgen, Stempel, fertig. Dauer 30 Minuten

Dann weiter durchs Niemansland an die Iranische Grenzstation. Dort Pass abgeben,  zur Medizinischen Befragung, warten, Pass und abgestempeltes Visum zurück,   Gepäck Kontrolle (die Dame hat die Taschen interessiert aber nicht zu intensiv durchgeschaut) und das war’s. Dauer ca 45 Minuten.

Im iranischen Sarakhs mieteten wir uns ins einzige Hotel am Ort ein. Oh was tat eine heiße Dusche mal wieder gut. An das Kopftuchtragen muss ich mich noch gewöhnen. Irgendwie rutscht das blöde Ding immer nach hinten. Wie machen das die Frauen hier, bei denen sieht das so perfekt aus?

Ab morgen beginnt unser Iranabenteuer. Heute Abend aber erstmal wieder ein warmes Bett.

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