Unsere Pilgerfahrt nach Mashad

04.11.2018 (nach iranischem Kalender 13. 08. 1397, leicht verwirrend)
Erster Tag im Iran, Johannes kommt von der Bank zurück und bringt einen Stapel Rial mit. Für 100 Dollar bekommt er 13,8 Millionen Rial in 100.000er Scheinen – so eine Menge Scheine.  Oh Mann ist das kompliziert!! Und wieviel ist das nun wieder in Euro??😂😂
Das Radfahren im Iran ist dafür deutlich einfacher und abwechslungsreicher. Wieder Berge, Felsformationen, eingeschnittene Täler.
Johannes: auch wenn’s bergauf geht, macht es dennoch mehr Spaß als das öde Turkmenistan!

05.11.2018
Aber es ist immer noch sehr kalt. Für mich ein Vorteil, da kann ich anstatt des Kopftuchs mein Buff unter den Helm ziehen. Wir radeln mal wieder gegen kalten Gegenwind bergauf und unsere Augen tränen.1080867.jpg
Seit Serakhs überholen wir regelmäßig Pilgergruppen, die auf oder neben der Straße wandern. Anfangs wirkten die vielen schwarz vermummten Frauen und fahnenschwenkenden Jugendlichen etwas verunsichernd. Aber alle winken freundlich , die Begleitfahrtzeuge hupen, die Kontrollposten und Ordner winken uns anzuhalten und sind super neugierig und fragen nach woher und wohin. Bei jedem Halten lernen wir ein persisches Wort mehr. Und wir erfahren langsam was hier los ist.


Tausende von Pilgerinnen und Pilgern wollen nach Mashad zum Imam Reza Heiligtum. Mashad ist DAS Altötting des Iran. Jährlich pilgern 27 Millionen Menschen dorthin, das sind im Schnitt 70.000 pro Tag! Boh, kaum vorstellbar.
Und diesen Mittwoch ist der Todestag von Imam Reza und darum findet dort eines der größten Feste statt. Und wir sind dabei!
Die Pilgergruppen ziehen mit großen Fahnen, lauter Musik und mit viel Trara von Pilgerunterkunft zu Pilgerunterkunft. Dort werden sie mit Brot, Suppe bzw. Eintopf und Getränken versorgt. Unterwegs gibts immer Stationen an denen Obst verteilt wird. Auch wir kommen mehrmals in den Genuss von Bananen, warmen Tee, Pilgersuppe und Brot. Wir werden fürs Pilger-Instagram interviewt und abgelichtet (@mighatoalreza) und müssen neben Jeder/Jedem für Fotos parat stehen. Wow, was ist das für eine Herzlichkeit!!! Beim Verabschieden bekommen wir nochmals Brot, Wasser und Datteln zugesteckt. Und für jeden von gibts eine Pilgertüte. Abends am Zelt war es fast wie an Weihnachten beim Öffnen des Inhalts.
Johannes Tüte: Socken, Wollmütze, lange „hübsche“ gestreifte Unterhose und eine Orange
Birgits Tüte: Söckchen, Feinstrümpfe, lange schwarze kratzige Unterhose, Orange
Jetzt können kalte Zeltnächte kommen 😂😂😂

06.11.2018
Auch heute überholen wir wieder etliche Pilgergruppen. Ca. 20 km vor Mashad werden wir von einem Soldaten angehalten. Wir zücken schon unsere Pässe und verdrehen innerlich die Augen, schon wieder eine Passkontrolle. Aber nix dergleichen, wir bekommen beide heißen Tee in die Hand gedrückt. Das hier war wieder eine Pilger-Verpflegungsstation, betreut durch das Militär. Wir sollen uns setzen, bekommen Pilgereintopf (Dal), Datteln und Kekse gebracht. Der Kommandant will von mir wissen was die Menschen in Europa von den Iranern denken. In der Zwischenzeit unterhält sich Johannes mit einem der Offiziere, der als Englisch Dolmetscher schon in Isfahan gearbeitet hat. Mit Müh und Not können wir uns loseisen. So viele Menschen sind nach Mashad unterwegs und wir haben Sorge ob wir dort ein Hotelzimmer finden würden.
Je näher wir dem Stadtzentrum kamen umso mehr Trubel war auf den Straßen, wir haben alle Mühe durchzukommen. Um das Imam Reza Heiligtum war die Straße abgesperrt, Gruppen von singenden Männern, die sich mit Metallgeißeln rhythmisch den Rücken klopften,  Umzüge mit Bannern und Fahnen, laute Musik – wir waren völlig überfahren. Johannes hatte sich schon in Buchara ein Hotel ausgesucht, dort wollten wir so schnell wie möglich hin. Und welch Wunder ein letztes Zimmer war noch frei, Fenster nur zum Innenschacht, aber preislich und ausstattungsmäßig passabel. Wir mussten aber für 3 Nächte buchen, eigentlich wollten wir ja nur 2 Nächte bleiben. Egal, wenn wir früher fahren ist der Preis immer noch o.k.. Glück auch, dass dieses Hotel in einer Seitenstraße liegt und so der “ Karnevalsumzug“ nicht direkt am Fenster vorbei geht. So müssen sich Ausländer in Köln an Karneval fühlen wie wir hier zwischen all den schwarz angezogen Menschen. Diesem scheinbaren Durcheinander scheint eine Ordnung zugrunde zu liegen – nur wir verstehen sie nicht!!

Am Nachmittag lassen wir uns von den Menschenmassen in Richtung Imam-Reza-Heiligtum spülen. Seit es 1994 einen Anschlag gab werden an den Eingängen strenge Sicherheitskontrollen durchgeführt. Wir Touristen bekommen eine englischsprachige Begleiterin zugeteilt und Birgit bekommt einen Tschador übergestülpt und darf als weißes Gespenst durch das Heiligtum wandeln (später bekommen wir erzählt, dass weiß die beste Farbe für Betende sei). Farzaneh, unsere Begleiterin erzählt uns sehr viel über das Heiligtum, aber sie und wir sind sehr neugierig und fragen noch mehr zu Land+Leute und Privates. „Ist dies erlaubt? Was bedeutet das? Wie ist das bei Euch?“ Und natürlich tauscht man am Ende die Handynummern und nach einigen WhatsApp-Nachrichten wird tags darauf daraus eine Einladung zum Abendessen – morgen Abend sind wir bei ihr und ihrer Familie zuhause und wir sind seeehr gespannt!

Durch das dichte Gedränge treiben wir wieder in Richtung Hotel, vorbei an den ohrenbetäubend lauten Trommlern, Gebetssängern und sich symbolisch geißelnden Pilgergruppen. Wir liegen schon im Bett, als von außen noch die dumpfen Trommelschläge ins Hotelzimmer dringen und wir werden auch früh morgends wieder von den Trommeln geweckt.

07.11.2018
Wir gehen ein zweites mal ins Heiligtum, um das Teppichmuseum anzuschauen. Diesmal haben wir Abbas, einen jungen Mann als Begleiter und wieder dreht sich unsere Konversation „um Gott und die Welt“. Ja, auch er hat eine VPN-Software auf dem Handy um Facebook und andere im Iran gesperrte Internetseiten aufrufen zu können. Ach ja – fantastische Teppiche hatte es in dem Museum natürlich auch …

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