Die sieben Urängste als Reiseradler

Entgegen den unbedarften Meinung vieler Nichtradler ist das Leben als Reiseradler nicht nur ‚easy‘. Abgesehen von den täglichen Mühen werden wir von vielen ‚Urängsten‘ geplagt:

1. Die Hunde

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Gefährliche Tiere

Nähern sich laut bellend und zähnefletschend von hinten den Waden. Da man nie weiß, ob die ’nur spielen‘ sorgt das für akut ansteigenden Adrenalinpegel, der Blick wechselt hektisch zwischen vorne=Straße und seitlich hinten.
Die Anzahl und die Aggressivität der Hunde ist übrigens je nach Land erstaunlich unterschiedlich. Hier im Iran hat es extrem viele Hunde, die ziemlich viel hinterher rennen – da Iran ein Autoland ist liegen entsprechend viele tote Hunde am Straßenrand.
In Turkmenistan hatten wir uns Steine zum Werfen in die Lenkertasche gepackt, andere Radler haben Stock, Pfefferspray etc. griffbereit. Wir haben uns extra wegen der Hunde vor der Reise gegen Tollwut impfen lassen, obwohl wir niemanden kennen, der tatsächlich gebissen wurde.
Seeehr tief sitzende Urangst bei allen Reiseradlern.

2. Der Wind

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Aaanstrengen

Unfair, da die eingesetzte Energie verloren ist. Und (für Physiker): der Energieaufwand steigt leider mit dem Quadrat der Windgeschwindigkeit. Also: doppelt so viel Gegenwind = viermal soviel Schnauf.
Das Brausen in den Ohren kann auf die Dauer auch ganz schön nerven.
Kommt angeblich immer von vorne, hatten wir aber auch oft umgekehrt. Wir schauen bei der Reiseplanung deshalb auch gerne noch in die Windkarten im alten Diercke-Schulatlas…

Unterwegs darf man NIE über die Windverhältnisse reden – alter Seglerspruch: ‚Sprich nicht vom Wind!‘ Etwas Aberglaube ist schon dabei.

3. Der Berg

urängste-002.jpgEigentlich haben wir schon viele Berge hinter uns. Trotzdem haben wir vor jedem neuen Berg Respekt, denn je nach Steigung, Straßenbelag, Sonne und Wind (siehe 2) kann der Schweißfaktor erheblich variieren.
Für Schweiß sorgt natürlich auch das Gepäck, so dass wir vor der Reise mit Waage und Exceltabelle eifrig optimiert hatten.
Aber im Gegensatz zum Wind (siehe 2) sind Berge fair: die mühsam erkämpfte Höhenmeter kann man wieder runter rollen (wenn es nicht zu steil oder hoppelig ist und man die Energie auch noch sinnlos in teure Bremsgummis verbraten muss).

4. Der Durst und der Hunger

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ohne Plastik geht’s leider kaum

Die Angst vor dem Hungerast kennt jeder Sportler. Aber Trinken ist im Vergleich zu kalorienreichem Essen ziemlich schwer. Und je nach Schweißfaktor brauchen wir viele Liter Flüssigkeit pro Tag. Wasser für mehrere Tage kann dann schnell zum Transportproblem werden. Also balancieren wir ständig zwischen Gewicht (siehe 3) und der Angst vor dem Durst.
Im Pamir hatten wir fest mit einem See als Wasserversorgung gerechnet, um nicht zuviel Gewicht über einen 4300 Meter hohen Pass schleppen zu müssen. Das Seewasser war dann leider salzig und ungenießbar. Zum Glück kamen noch Italiener mit ihrem Geländewagen vorbei und haben unsere Flüssigkeitsversorgung gesichert.
Und mittlerweile schaffen wir dank Waschlappen unsere abendliche Entsalzungs-Katzenwäsche mit 150 Milliliter Wasser!

5. Die Autos

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Besonders spannend: Tunnels mit überholendem Gegenverkehr ohne Licht

Die Fahrweise der Autofahrer variiert wie die Aggressivität der Hunde von Land zu Land sehr stark.
In Tadschikistan ließ schon der Straßenzustand keinen allzu großen und forschen Autoverkehr zu. Hier im Iran, wo Benzin fast nichts kostet, gibt es viele Autos, aber wenige Verkehrsregeln: Vorfahrt hat, wer lauter hupt oder sich dreister reindrängt. Und sollte es noch Lücken zwischen den Autos geben werden diese von den Mopeds restlos gefüllt!
Es dauerte etwas, bis wir unseren Fahrstil mutig dem hiesigen anpassten.
Auf den Straßen außerhalb der Städte hat es zum Glück meistens einen Seitenstreifen.
Seit Kirgistan hängt ich eine Deutschlandflagge an einem Ast 50 cm seitlich raus, um einen Mindestabstand zu erzwingen – funktioniert erstaunlich gut!

6. Der Reifenplatzer

Wenn man Glück hat ’nur‘ hinten, da man dann noch lenken kann. Vorne sehr verheerend.
Daher regelmäßig den Zustand der Reifen kontrollieren und bei langen Abfahrten öfter prüfen, ob die Felgen vom Bremsen nicht zu heiß geworden sind.
Kommt im Gegensatz zum Hundebiss (siehe 1) leider tatsächlich vor.

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7. Die Heimkehr

Wird sicher gar nicht so leicht nach so langer Zeit unterwegs wieder zurück in den deutschen Alltag! Wie sieht’s an meiner Arbeit aus? Wie eingeengt werde ich mich in den eigenen vier Wänden und dem deutschen Leben fühlen?
Wir freuen uns auf Vieles, was wir hier vermissen müssen. Aber wir werden sicher auch Vieles vermissen, was wir in all den Ländern unterwegs genießen dürfen!!!
Pünktlichkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen, leckeres Essen und Trinken, die Natur, Sauberkeit, die vielen Freundschaften, viel Kultur, das Alleinsein, die klare Luft und der blaue Himmel, Freiheit und Gleichberechtigung, das einfache Leben, endlose Weiten, klare Bäche, Wald, eine warme Dusche, einfach mal nichts tun, …
(ihr dürft selbst entscheiden, was wir wo vermissen)

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