Reif für die Inseln

Zurück am Wasser in Kangan haben wir uns mal wieder ein Hotelzimmer gegönnt. Jetzt, wo es wärmer wird, freuen wir uns umso mehr auf eine Dusche. Erstaunlich, auch hier spricht der Hotelmanager etwas deutsch (er hat vor 20 Jahren 8 Jahre in Köln gelebt). Er drückt mir sein Handy ans Ohr, seine Tochter ist dran und unterhält sich im akzentfreien Deutsch mit mir. Sie ist Deutschlehrerin in Bushehr. Am nächsten Morgen dürfen wir mit ihm aufs Hoteldach klettern und die Aussicht auf Hafen und Berge bestaunen. Auf Anraten (die Straße wäre sehr gefährlich) beschließen wir den Bus nach Bandar Abbas zu nehmen und die gesparten Tage lieber auf den Inseln Qeshm oder Hormuz zu verbringen. Der Bus fuhr leider erst abends, und so hatten wir, einen der wenigen Tage bislang auf dieser Reise, mal gar nichts zu tun, außer am Strand liegen, etwas Füße baden (Birgit) und schwimmen (Johannes). Manchmal muss man zum Nixtun gezwungen werden.Der Bus der uns als VIP Bus angepriesen wurde war dann leider ziemlich alt und klapperig. Das erste Stück gings kilometerlang an Ölraffinerien vorbei. Um 22.30 gabs noch einen Essensstop. Wer kann den bitte um diese Uhrzeit ein komplettes Kebabmenue essen? Iraner können das! Uns reichte eine Tasse Tee.

 

Dann scheine zumindest ich geschlafen zu haben, denn etwas verdreht und steif bin ich wachgeworden als der Bus kurz vor unserem Ziel über einen der unzähligen „Bumpern“ (Hubbel in verschiedensten Ausführungen zum Bremsen der meist viel zu schnellen iranischen Fahrzeugen) fast abhob.

Belohnt wurden wir in Bandar Abbas für die unruhige Nacht mit einem wunderschönen Sonnenaufgang am Meer. Hier sahen wir am Strand etliche Wurfzelte unter Strandpavilionen oder mitten auf Parkplätzen und Strandpromenaden stehen. Wir wissen nicht, sind das auch Iranische Touristen die zelten oder Wanderarbeiter mit mobiler Heimstatt. Aber es sind enorm viele!
An einem der vielen überdachten Pausenplätzen am Wasser haben wir den Benzinkocher ausgepackt und Kaffee gekocht. Frühstück mit Blick aufs Wasser, nach der Nacht ein HOCHGENUSS.

Bevor wir heute das Jetty nach Qeshm nehmen, musste noch Geld gewechselt werden ( klingt einfach, ist es aber nicht, selbst die Bankangestellten schicken uns wieder weg, weil dort der Kurs zu schlecht ist). In einem Hotel finden wir eine Wechselstube und das Reisebüro für die Fährtickets nach Dubai lag zufällig direkt gegenüber. Super, Fährtickets standen auch auf der to do Liste. Jetzt noch einige Lebensmittel besorgen und dann konnte es los gehen.
Infos zu Qeshm:
Sie ist mit 110 Kilometern Länge und durchschnittlich 18 Kilometern Breite die größte Insel im Persischen Golf und nur 24 km entfernt von Bandar Abbas.
Das besondere an Qeshm ist, dass die UNESCO sie als einem Geo Park ausgewählt hat. Geo Parks sind Gebiete, die spezielle geologische Besonderheiten aufweisen mit denen Erdgeschichte für die Menschen sicht- und erlebbar wird. Wichtig für die UNESCO ist, das Natur und nachhaltige menschliche Nutzung zusammen passen.

Völlig unkompliziert und erstaunlich günstig fuhren wir mit einem der Jettys nach Qeshm. Die Räder durften beladen an Deck stehen bleiben, wir Passagiere mussten ins heruntergekühlte Schiffsinnere. Nach 45 Minuten Fahrt landet wir am Hafen von Qeshm und sind gleich losgeradelt. Unser Ziel das Starvalley, ein Tal mit Erosionsformen und Teil des UNESCO-Geoparks Qeshm.
Nach dem Erkunden auf ausgewiesen Pfaden sind wir einem Moped-Schleichweg um die Felsen herum gefolgt und haben einen grandiosen Zeltplatz für die Nacht gefunden.Heute haben wir es nur langsam weiter geschafft. Erst gemütlich Frühstück (wir haben ja Urlaub😉) dann nochmal Star Valley rein laufen und das Ganze bei anderem Licht bewundern.

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Mit Gegenwind gings weiter an der Küste entlang. Den Touristrand bei den Naz-Inseln haben wir kurz angeschaut, aber der Trubel hat uns nicht gefallen. In Suza haben wir für zwei Tage eingekauft, denn dem Tip von mehreren Iranern, unbedingt auf die Insel Hengam zu fahren, wollten wir nachgehen. Ein Motorboot hat uns samt Räder in wilder Fahrt nach Hengam gebracht. Dort radelten wir auf Sandpiste zum Silver-Beach. Auf dem Weg dorthin haben wir tatsächlich Chinkara-Gazellen gesehen, und zur Krönung noch unsren Privatstrand gefunden. Eine einsame Bucht nur für uns. Das bedeutete für mich mal nicht nur Füße baden, sondern ab in den Badeanzug und rein ins Wasser!!!!
Sonnenuntergang: Kaffee vorm Zelt, der Wind bläst leicht, ich sitze IM BADEANZUG am Strand, super kitschig aber sooooo schön!

Einschlafen mit Wellenrauschen und nicht mit Motorenlärm – weit weg von Teheran ist sooo viel möglich…
Wir wachen auf, weil die Wellen ziemlich laut sind. Ein Blick aus dem Zelt – noch 2 Meter bis wir überflutet werden! Wir hatten mit etwas weniger Tidenhub gerechnet, aber zum Glück war das auch der Höchststand und wir mussten keine Evakuierung starten.
Aus den Wellen tauchten ab und zu kleine Köpfe auf (Birgit sieht alles) – Karettschildkröten! Eine ganze Gruppe war hier in ‚unserer‘ Bucht beim Frühstücken und wir schauten eine ganze Weile zu. Leider brauchen sie nur kurz zum Luftholen und können dazwischen sehr lange tauchen. Aber trotzdem ein toller Moment, im Oman hatten wir ja keine zu Gesicht bekommen.

Für die nächste Tier-Sehenswürdigkeit hier müssen wir zurück suf die Insel Queshm und eine Touristentour buchen. Zu zwölft in einem kleinen Motorboot geht es aufs Meer raus, wo schon andere Boote dümpeln. Und dazwischen ziehen zahlreiche Delphine ihre Bahnen, zeigen die Rückenflossen, pusten laut und zwei Übermütige springen sogar hoch in die Luft.

 

Weiter geht’s wieder auf dem Rad. Wir haben hier auf der Insel etwas Zeit und wollen nur 30 km Piste an der Südwestküste entlang. Wurde aber unerwartet mehr. Soldaten versperrten uns den Weg, kein Weiterkommen. ‚Da hinten wird scharf geschossen ‚ gaben sie uns in deutlicher Pantomime zu verstehen. Ein größeres Militärmanöver, jetzt wissen wir auch warum wir soviele Hubschrauber und Patrouillenboote gesehen haben. Gestern waren wir an ‚unserem Privatstrand‘ noch im Idyll am Ende der Welt, jetzt so nah an einem der zentralen Konflikte.
Also wurde nichts aus einer weiteren Zeltnacht am Meer, statt dessen ein paar Kilometer und Höhenmeter auf die Nordseite der Insel. Oberhalb vom Tal der Statuen, weiteren Erosionsformen im Unesco Geopark, finden wir ein nettes Plätzchen mit Ausblick. Beim Bestaunen der Felsformationen im Sonnenuntergang haben wir einen Wüstenfuchs aufgeschreckt, der schnell am Gegenhang verschwindet.
Die Ruhe wird allerdings nochmal gestört, als bei Dunkelheit eine Schlange von Tiefladern schweres Kriegsgerät vorbei fährt.

Am nächsten morgen wissen wir auch wohin: direkt neben der Straße zum Chakoon Canyon stehen Granatwerfer und es donnert und raucht gehörig. Komisches Gefühl ‚am Krieg‘ vorbei zu radeln…
Und dann plötzlich wieder zurück im Mittelalter, in Guran werden Lenj-Boote nach alter Väter Sitte ganz von Hand gebaut. Das hatten wir schon vor drei Jahren im Oman auf der anderen Seite des Persischen Golfes gesehen. Die Boote sind so groß, dass sie weit über die ‚Skyline‘ des Dorfes heraus schauen.

Der Chakoon Canyon ist eine enge Schlucht mit wilden Gesteinsformen. ‚Heute leider gesperrt‘ sagte die Dame im Infocenter ohne aufzuhören mit dem Handy zu telefonieren. Wie, schon wieder Kriegsschauplatz? Solange sie noch telefonierte drückten wir uns vorbei und marschierten zum Canyon. Wir sind extra einen halben Tag hierher geradelt – für nichts? Doch, im Canyon wurde ein Musik-Video für den (uns bis jetzt noch nicht) bekannten aserbeidschanischen Mughab – Sänger Alim Qasimow gedreht. Auf unser ‚Flehen‘ hin,wir wären extra für diesen Canyon soweit geradelt, dürfen wir in einer Drehpause vorbei und haben die Schlucht exklusiv für uns. Beim Rausgehen treffen wir den Musiker noch persönlich.

Gegen den Wind kämpfen wir uns zur nächsten Station im Unesco-Geopark, ins Tal der Statuen und bauen dort unser Zelt inmitten einer Wildwestlandschaft auf. Beim Kochen umkreist uns mehrmals neugierig ein Fuchs. Davon scheint es hier mehrere zu haben!

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Eine weitere Attraktion der Insel Qeshm sind die Hara-Mangrovenwälder.

Dazu sagt Wikipedia::-D Der von der Spezies Avicennia marina (mit der lokalen Bezeichnung Hara oder Harra) dominierte Wald bildet ein wichtiges ökologisches System, das als Biosphärenreservat dient und als solches unter Naturschutz steht. Die kommerzielle Nutzung der Hara-Wälder reduziert sich auf das Fischen (hauptsächlich von Schrimps), auf Touristenbootsfahrten und das geringfügige Abholzen zum Zwecke der Tierfütterung. Der Harawald auf Qeschm und dem gegenüberliegenden Festland erstreckt sich auf eine Fläche von 20 Quadratkilometern und wird von Wasserläufen durchzogen.Das Gebiet ist ein wichtiger Lebensraum für Zugvögel während der Wintermonate, sowie für Reptilien, diverse Sorten von Fischen, Gliederfüßern und Muscheln. Grüne Meeresschildkröten und giftige Seeschlangen bewohnen ebenfalls diese Wälder. Zu der hier heimischen Vogelwelt gehören Reiher, Flamingos, Pelikane und Adler. 

Auf einem kleinen Jetty wurden wir durch diesen bezaubernden Wald im Wasser geschippert. Wir bekamen erstaunlich wenig Vögel zu Gesicht, aber ein Pelikan hat tatsächlich für uns Modell gestanden.

Richtung Fährhafen nach Hormuz radeln wir an unzähligen „Werbeplakaten“ für die Truppenübung (der wir hier laufend begegnen, heute mit Falschirmspringern, die den Himmel sprenkeln) vorbei. Sehr skurril, Werbung mit Raketenwerfern etc., aber auch das ist der Iran! Im Internet erfahren wir, dass das Militärmanöver der Revolutionsgarde (das ist die Elitetruppe Irans) als Antwort darauf stattfindet,  dass gerade ein US-Flugzeugträger samt Geleitzug in den Golf einfährt. Auf solche Muskelspiele würden wir gerne verzichten.

 

Die „Yalda Nacht“, das ist die längste Nacht im Jahr, verbringen wir gemeinsam mit vielen Iranern am Strand bei den Nazinseln. Hier wird diese Nacht am 21.Dezember groß gefeiert. Man trifft sich an Yalda mit der ganzen Familie, isst traditionell Wassermelone 🍉, trommelt und lässt es sich gut gehen.
Bei Ebbe kann man zu Fuß zu den NazInseln laufen, falls man dabei nicht von den vielen Spaßsuchenden Autos, Quads, Geländewägen und Motorrädern überfahren wird. Sobald das Meer weicht und die Sandbänke auftauchen, tummelt sich alles was Motor hat, Gas gibt und laut brummt auf dem Strand. Das bisschen Kontakt mit der Natur reduziert sich auf ein Picknick mit der Großfamilie auf riesigen Teppichen direkt neben dem geliebten Fahrzeug.
Sobald die Tiede wechselt ist der Spuk so schnell vorbei wie aufgetaucht und Ruhe kehrt ein. Wir haben die Dünen für die restlichen Stunden nun für uns.
Für Weihnachten haben wir uns Hormuz aufgehoben. 2x am Tag fahren Jettys von Qeshm nach Hormuz. Wir entscheiden uns für das Nachmittags Boot, gönnen uns für den ersten Abend ein kleines Zimmer, versenden die Weihnachtspost (später gibts keine Netz mehr) und füllen alle Wasserflaschen, die wir finden können auf. Wir müssen uns für die nächsten 2-3 Tage eindecken, auf der Insel gibt’s sonst nix mehr. 2 Tage Strand und Inselfeeling warten auf uns.
Beim Abendessen an einem Straßenstand treffen wir Leila und Julian, die beiden studieren Fotografie in Hannover. Leila kommt auch aus Freiburg und schnell kommen wir ins Gespräch. Es ist sehr bereichernd so viele unterschiedliche Menschen auf unserer Reise zu treffen.

Wir umradeln die Insel zu 3/4, immer auf der Suche nach „unsrem“ Zeltplatz an dem wir dann 2 Nächte bleiben und unser Weihnachten feiern können.
Dabei klappern wir gemeinsam mit unzähligen Touristen in Tuktuks die Highlights der Insel ab: Hole in the rock, red beach, sunset point, rainbow Valley, Minisaltcave.

Fast schon wollten wir die Suche aufgeben,  da haben wir doch noch DAS Plätzchen für uns gefunden. Die Tiede ist hier sehr hoch, so dass wir bei Ebbe weite Strandspaziergänge machen und bei Flut fast vom Zelt weg schwimmen können. Zu Palmen hat es leider nicht gereicht

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Wir genießen das Dahindümpeln, Schwimmen nach dem Frühstück ne Runde und können es dann doch nicht lassen mit unpepackten Rädern loszuziehen. Wir fallen wie immer wie bunte Hunde auf, werden von den Tuktuk-Touris ausgefragt. Komisch, fast jeder war schon mal in Deutschland, kann uns seine Stadt nennen. Viele der iranischen Touris hier kommen aus Teheran und scheinen keine Geldsorgen zu haben. Wir freuen uns umso mehr über unseren idyllischen Zeltplatz, genießen unsern Nachmittagskaffee schon etwas zeitiger als sonst und üben uns im Nichtstun.

Weihnachtsfrühstück

Morgen werden wir wieder nach Bandar Abbas zurück fahren.
Carola und Arne, zwei Reiseradler aus Hamburg haben uns in ihr Appartement (über warm shower erhalten) eingeladen. Gemeinsam werden wir vier dann am 26.12. abends die Fähre nach Dubai nehmen.
Gerade rechtzeitig kriegen wir die Meldung, dass unsere Bestellung mit Ersatzteilen aus Deutschland endlich beim Postamt in Dubai angekommen ist und abgeholt werden kann. Nach soviel Kilometern Schotter und Staub brauchen unsere Drahtesel neue Ketten und Reifen. Und die Fahrradkartons für den Flug können wir in „Wolfis Bike Shop“ abholen. Wolfi hat ein Fahrradgeschäft in Heitersheim und seit einigen Jahren eben auch eins in Dubai – so klein ist die Welt!


Nach fast 6 Monaten Zentralasien und Iran geht nun Teil Eins unserer Reise zu Ende. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge sagen wir „Koda Hafez –  Auf Wiedersehen Iran“ und sind gespannt was Südamerika für uns bereit hält! 

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