Blowin in the wind… 

Ich wache mitten in der Nacht auf. Der Wind heult, ein Blech klappert, und plötzlich fängt es an heftig auf ein Blechdach zu trommeln – Regen?! Wo bin ich?
Ach ja, wir haben gestern unser Zelt im Wohnzimmer dieses verlassenen Hauses aufgebaut. In den anderen Zimmern liegen ein holländischens Pärchen und ein australisches Ehepaar mit 2 Kindern, Heike ist im Anbau untergekommen. Diese Unterkunft ist bei Radfahrern als Unterkunft und Schutz vor dem heftigen Wind bekannt und beherbergt seit Jahren Radler (siehe Fotos). An den Wänden verewigen sich die Radgerationen. Gut, dass es diesen Platz gibt!

Mit Grauen denke ich an morgen. In meiner Phantasie spiele ich die Optionen durch. Was ist wohl besser heftiger Gegenwind oder Regen. Und wenn beides morgen evtl. zusammentrifft? Hoffentlich wirds besser als der gestrige Tag!
Rückblick: Nachdem die ersten 60 km ohne Wind mit super Aussicht als Genuss zu umschreiben wären, ist das Vergnügen schlagartig mit dem Wind auf Null gesunken. Als hätte jemand einen Ventilator eingeschalten, setzte von jetzt auf gleich wirklich starker Wind ein. Die Böen mal von vorne mal von der Seite bliesen so heftig, dass ich mehrmals anhalten musste, weil ich nicht im Straßengraben landen wollte. Spaß macht das nicht! Und zwischendurch hatte ich richtig Sorge. Und das ist dann einer der Momente wo ich mich frage, warum um alles in der Welt radle ich hier in Patagonien. Wer kam auf eine so bescheuerte Idee!!! Hätte wir das nicht ahnen können, meine Frustrationstoleranz ist gerade sehr niedrig. Ja ich weiß, alle hatten gesagt, dass es Wind haben würde. Ich hatte mich auch auf Wind, viel Wind eingestellt, aber so hatte ich mit das in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt. Eine Wand, gegen die es kaum anzukommen geht.
Armer Johannes, er bekommt meine miese Laune voll ab. Arme Birgit, sie bekommt es zurück. Und länger als für die ersten 60 km stemmten wir uns die 35 km gegen den Wind zu diesem Häuschen. Der nächste Tag beginnt dann besser als erwartet, einige Sonnenstrahlen trauen sich sogar heraus. Die ersten 30 km ist der Wind erträglich, dann müssen wir aber die Richtung ändern. Bis Chalten geht die Straße jetzt 90 km genau nach Westen.

Und von dort bläst der Wind wieder so heftig, dass wir abwechselnd wanken, schieben, enorm ackern und doch kaum vorwärts kommen. Und es macht uns mürbe. Glück und Unglück sind halt nur 180 Grad auseinander. Abends lesen wir im Wetterbericht, dass wir Windstärke 8 hatten…

Gegen Mittag sind wir den Kampf leid, keine Besserung und kein etwas geschütztes Fleckchen. Und wir beschließen den Daumen rauszuhalten. Im Iran hätten schon vor Stunden Autofahrer angehalten und gefragt ob wir Hilfe brauchen. Hier dauert es etwas, aber dann hält doch noch ein Pickup und die 85 km fliegen nur so dahin. Auch das Auto wird mächtig durchgeschüttet und die Tropfen klatschen gegens Autofenster.

Zur Belohnung und Beruhigung gönnen wir uns in El Chalten ein Doppelzimmer. Bei den Temperaturen, Regen und dem Wind war uns so gar nicht nach Zelt. Zum Abendessenessen bestellen wir Grillplatte für zwei (damit doch noch was Gesundes dabei ist einen Alibisalat), stoßen mit einem Gläschen Malbec an und ich bestelle noch Flan casero con dulce de leche zum Nachtisch für mein Nervenkostüm. Dass draußen die Wolken tief hängen, der Wind tobt und wahrscheinlich Fitz Roy und Cerro Torre nicht ansatzmäßig zu sehen sein werden ist sch… aber nicht zu ändern. Wir hatten wohl schon zu oft Glück.

 

Dieser Beitrag wurde unter Argentinien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.