Fifty shades of blue

Tag 6 Carretera Austral 07.02.2019
Kurz vor Puerto Bertrand am Rio Baker

Viele, viele Höhenmeter auf schlechter Piste galt es heute zu träppeln. Aber der geniale Ausblick auf den Rio Baker zu unsrer Linken hat uns die Anstrengung (fast😉) vergessen lassen. Seine Farbe ist magisch: erst türkis und dann vor dem Zusammenfluss mit dem Rio Neff ultrablau!! Die 15 minütige Wanderung zum Zusammenfluss hat sich gelohnt. Echt beeindruckend welch riesen Wassermassen sich dort hinunterwälzen, laut Reiseführer 10 mal so viel wie die Themse!
Bei einem Schild Coffee and Dulce konnte ich dann nachmittags nicht vorbei radeln. Ein junges Pärchen hat das Restaurant erst vor zwei Wochen eröffnet. Es ist gemütlich eingerichtet und hat vor allem eine Terrasse zum Fluss. Gigantisch! Der Kaffee Cortado und Cappuccino mit Kuchen haben unsere Lebensgeister wieder geweckt. Mmmhhmmm!!!
Etwas tricky war es, den in iOverlander als wunderschön am Fluss gelegen beschriebenen, wilden Zeltplatz zu finden. Dafür gabs dann aber zur Belohnung blaues Wasser und Wiese fürs Zelt. Heute hats uns wieder mega eingestaubt und das eiskalte Wasser war eine Wohltat. Frisch gewaschen mit einer Tasse Kaffee in der Sonne am Rio Baker sitzend, genießen wir die wohlverdiente Pause.

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Dam or not Dam: Chile hat einen riesigen Energiebedarf. Die Bergbauindustrie (viel Kupfer, das nach China geht) benötigt immens viel Strom. Und auch die Bevölkerung verbraucht zunehmend mehr. So gibt es von 2 großen Chilenischen Stromfirmem die Pläne die Wassermassen des Rio Baker zu nutzen und hier 5 Staudämme zu bauen. Umweltinitiativen und Bürger liefen Sturm. Auch der Gründer von Esprit und The North Face, der Milliardär und Ökoaktivist Dough Thompson, stellte sich gegen das Vorhaben. Es gab langanhaltende Proteste, die alte Regierung hat das Projekt dann 2011 gegen alle Gegenwehr genehmigt. Der Umweltminister unter der neuen Regierung hat die Genehmigung 2014 nun erstmal ruhen lassen. Man kann gespannt sein!

Tag 7 Carretera Austral
08.02.2019 bis Puerto RioTranquilo

Auch heute radeln wir wieder zu dritt. Katrin scheint sich nicht daran zu stören mit uns „Alten“ unterwegs zu sein.
Blauer Himmel, Sonne satt, aber die Temperaturen gehen etwas zurück. Morgens beim losfahren ist es noch sehr frisch und erst beim ersten Berg fallen die Hüllen. Nach einem kurzen Abstecher ins Örtchen Puerto Bertrand (ein sehr malerisches kleines verschlafenes Nest) , um Brot zu kaufen (die Läden haben noch geschlossen aber ein Restaurant verkauft uns frisch gebackenes Brot) gehts sofort in die Vollen, steil zieht der erste Berg nach oben. Auch heute werden es wieder 1000 Hm und deutlich mehr Kilometer. Der Lago Bertrand bietet ein wunderschönes Panorama für ein “ Familienbild“. Eine Amerikanerin meinte, das wäre ja super, mit Tochter unterwegs. Seit langem bläst uns der Wind mal wieder stark von vorne entgegen. Kampf! Und dann lag er endlich vor uns, der größte See Chiles und nach dem Titicacasee der zweitgrößte See Südamerikas, der Lago General Carrera. Seine Farbe ist unbeschreiblich schön!! Man kann bei dem Gehoppel gar nicht richtig schauen, voller Konzentration stieren wir auf den Weg. Wenn doch nur die Straße etwas besser wäre. Heute morgen hatte alles so gut begonnen, ca.10 km feinste Piste, wir hatten uns schon so gefreut. So konnte Radfahren also auch gehen. Aber dann.. Wir passierten mal wieder einen Grader – die Piste wurde deshalb aber nicht besser. Irgendwann änderte die Carretera die Richtung und nun wurden wir wenigstens etwas von hinten unterstützt! Herzlichen Dank an den Wind. Wir sahen den ganzen Tag die Rauchschwaden eines Waldbrandes. 12 km vor dem Ort standen wir Drei vor einer Straßensperre, der Soldat erklärte uns, dass wegen des Feuers die Durchfahrt immer nur abwechselnd in einer Richtung möglich sei und Radfahren gar nicht erlaubt wäre. Wir sollten uns einen Pickup suchen, der uns mitnimmt. Katrin schaffte es gleich bei der ersten Fuhre, wir musssten etwas länger warten, wurden dann aber bis zum Ort mitgenommen.

Nachdem wir alle Hostels, Hospedajes etc. abgeklappert haben und alles schon belegt war, sind wir mit einem Minihüttchen am Zeltplatz fündig geworden. Super basic aber ein Dach über dem Kopf.
Erst im dritten Supermarkt schafften wir es Nudeln zu finden. Ich war langsam richtig nöhlig, wenn ich hungrig bin, habe ich miese Laune. Da half nur ein Empanada auf die Hand, zum Überbrücken 😉😉
Die Preise für Zimmer und Lebensmittel sind total überzogen. Hier wird den vielen Touristen, die alle den See und die Marmorhöhlen besuchen wollen, das Geld aus der Tasche gezogen.
Der Wind hatte sich zu einem rechten Sturm entwickelt, gut nicht im Zelt schlafen zu müssen. Eigentlich wäre Pause nötig und angesichts des heftigen Windes ist radeln auch nicht so prickelnd. Der Ort selbst gefällt uns gar nicht! Tranquilo ist hier gar nichts. Mal abwarten was morgen bringt!

09.02.2019 Pausentag in Puerto Tranquilo
Der Wind bläst zu stark, alle Bootstouren zu den Höhlen sind für heute abgesagt. Wir haben viel Zeit zum Nixtun, was andres geht hier auch nicht. Kein malerisches Café, kein netter Platz zum Verweilen (auf der Straße bläst es einem den Sand nur so um die Ohren), Mist! Jetzt wäre ein gutes Buch genau das Richtige. Leider hatte ich mich zuhause gegen mein tolino entschieden. Wir versuchen etwas an unsrem „familyurlaub“ für Mai zu basteln. Unsere Jungs werden nach Südamerika kommen und gemeinsam mit uns durch Bolivien und Peru tingeln. Aber hier unten ist das Internet so schlecht!
Immer noch kreist der Löschheli überm Dorf. Der Wind facht das Feuer im Wald immer wieder an. Viel Arbeit für die Bomberos (Feuerwehrleute). Laut Infos von Chilenischen Studenten scheint es hier gerade an drei Stellen zu brennen.
Nachmittags schlendern wir etwas durchs Dorf, schlürfen einen Milchkaffee an einem Straßenstand (unsere Frenchpress hat nach 4 Monaten nun den Geist aufgegeben, das Glas hat die Carretera nicht überlebt – oh weh, wie sollen wir das nun ohne das schwarze Lebenselexir durchstehen😂) und kaufen beim Gemüsehändler an der Straße Frischzeugs. Mal Vitamine anstatt leere Kohlenhydrate! Für morgen haben wir die 3 Stunden Tour zu den Marmorhöhlen von hier und Puerto Sanchez gebucht. Wind sei uns gnädig und lass wenigstens diese Tour stattfinden!! 🙏

10.02.2019 zweiter Pausentag in Puerto Tranquilo
Unser Wecker bimmelt um 6:30, die Bootstour startet um 7:00, da ist der See noch ruhiger. Nachdem wir 10 Passagiere mit Schwimmwesten versorgt waren, startete der Trip im Uhrzeigersinn, erst zu den Höhlen von Puerto Sanchez, dann zu den Höhlen und der Marmorkathedrale von Puerto Tranquilo. Wir haben einiges über Flora, Fauna, Land und Leute gelernt und viiiiiel gesehen. Es hat sich voll gelohnt!
Vorsicht Bildungsteil! Der Lago General Carrera befindet sich am Übergang vom immergrünen Laubwald im Westen (Pazifik) zur argentinischen Steppe. Zu den ständig grün aussehenden Wäldern, durch die wir seit Beginn der Carretera Austral in O’Higgins geradelt sind, kommen hier Laubwälder, die sich im Herbst rot verfärben und die Blätter abwerfen. Die Gegend wurde um 1940 besiedelt, weil man hier Blei, Zink und Kupfer abbaute. In den Minen von Puerto Sanchez und Puerto Cristal waren bis zu 900 Bergbauarbeiter beschäftigt, damals kamen rund 30 % der chilenischen Kupferproduktion von hier. Die Minen sind lange stillgelegt, aber wie so oft gibt es auch hier Probleme mit schwermetallbelastetem Abraum.

Was würde dieses Nest ohne seine Marmorhöhlen tun. Sie locken jeden Tag hunderte von Touristen hierher, die Hostels sind ausgebucht, die Touren brummen und der Chilenische Peso rollt. Wenigstens für einige Monate, dann fällt der Ort wieder in seinen Winterschlaf, bis die ersten Touristen ihn wieder wachküssen.

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Wir klappern etliche Supermärkte ab, denn nach drei Stunden Ausflug ist nun Frühstück angesagt. Alles geschlossen, ach ja es ist Sonntag und vor 11:00 geht garn nichts. Aber wir werden doch fündig und genießen frische Brötchen mit Manjar (Dulce de leche creme, besteht hauptsächlich aus Zucker und Milch – muss man probieren!). Den Rest vom Tag wird Wäsche gewaschen, Räder versorgt und gefaulenzt, erst morgen geht’s wieder weiter. Unsere Beine brauchen Pause und der Kopf Zeit zum verarbeiten.

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