Valparaíso 

Der Nachtbus hat uns sanft von Pucon nach Valpo, wie sie hier liebevoll zu Valparaiso sagen, geschaukelt. Birgit hat prima geschlafen, während Johannes noch die Highlights in der Smartphone-Karte markiert. Die Busse sind bequemer als in Deutschland, haben mehr Beinfreiheit. Man kann zwischen Clásico’, ‘Semi-Cama’ and ‘Cama’ wählen, heißt Normal, Halbbett oder Bett. Wir haben nur noch Semi- Cama Tickets bekommen, was bedeutet ein abklappbares Kissen unter die Wadeln und 45 Grad nach hinten klappbare „Liegesitze“. Auch der Transport unsrer Räder ist easy. Einfach Vorderrad ausbauen, voila. Und man bezahlt dann eine Kleinigkeit beim Fahrer. Und unsre vielen Radtaschen schrecken niemanden. Für jedes Gepäckstück gibt es Zettel, die ans Gepäck gebunden werden. Nur mit dem passenden Gegenstück bekommt man seine Teile wieder. Scheint hier nötig zu sein, wir werden auch immer wieder ermahnt auf unser Gepäck aufzupassen.

Wir kommen schon um 8:30 an unsrem Appartment Hillview im 20. Stock an. Unser Gepäck können wir hier lassen während die Reinigungskraft das Appartement richtet. Für einen Überblicken wollen wir eine „kurze“ Tour mit den Rädern durch Valpo machen. Aber erstmal müssen wir uns an den Verkehr gewöhnen. Vorbei die ruhige gemächliche Zeit im Süden. Die Stadtbusse (und davon gibt es hier viiiiiiele) fahren wie die Henker, es wird gehupt und gewunken. Uff!
Am Parque Italiana musste ein Kaffee und Lemonpie zum Frühstück her. Danach ging’s zur Catedral de Valparaiso (leider zu) an der Plaza Simon Bolivar. Nun radelten wir über den Plaza Sotomayor und an den Hafen. „Wollt ihr eine Hafenrundfahrt? Räder können mit!“ werden wir gefragt, warum nicht, und so schnell hast du nicht geschaut, waren unsere Räder mit Hilfe der kompetten männlichen Touristen des kleinen Ausflugsbootes aufgeladen. Und schon ging’s los. Eine knappe Stunde tuckerten wir gemütlich durch den Hafen mit grandiosem Blick auf die Hügel von Valparaiso, vorbei an einem Schwimmdock, der Kriegsmarine und Containerschiffen. So haben unsre Veloträume doch glatt ’ne Bootstour vor Valpo gemacht. Wow, noch keine drei Stunden in der Stadt und schon den ersten „to do“ Punkt abgehakt 🙂


Dass es zum nächsten Highlight auf Johannes‘ Must-See-Liste steil hoch gehen würde, wissen wir spätestens seit dem Blick vom Boot. Im untersten Gang kurbelten wir uns langsam die steilen Straßen nach oben, die Graffitis rechts und links und die bunten Häuser bestaunend. Gut, dass wir ohne Zuladung radeln!!!! Nicht umsonst haben sie hier vor 100 Jahren zahlreiche Schrägaufzüge gebaut, von denen allerdings nur noch 9 (eigentlich wohl nur noch 5) in Betrieb sind.
Belohnt werden wir immer wieder durch grandiose Aus- und Tiefblicke. Fotomotive gibts zuhauf. Ein Graffiti mit Herz und Gedicht von Gabriela Mistral haben mir gefallen, und ich habe dieses Herz meinem treuen Drahtesel gewidmet. (Später im Appartement habe ich nach der Übersetzung gegoogelt- siehe Gedicht „Küsse“)valparaiso-039.jpg

Wir lassen uns treiben und landen an der Av. Alemana und vor dem Richtungsschild „La Sebastiana“, dem Haus von Pablo Neruda. Na gut, die Alemana führt sanft steigend weiter, warum nicht die 2,5 km dorthin weiterfahren. Unterwegs passiert man den Plaza Bismark und Plaza Camogli. Ich möchte das Innere von Pablo Nerudas Haus sehen und dank des deutschsprachigen Audioguides erfahre ich doch einiges über Leben und Denken dieses eigenartigen Künstlers. Die Chilenen verehren ihn sehr.

Unser Brummen im Bauch lässt uns an einer kleinen Pizzeria anhalten. Das Angebot „kleine Pizza mit Getränk“ ist doch genau richtig.  Valparaiso 054 Mit frischen Zutaten und aus dem Steinofen haben uns unsre Pizzen hervorragend geschmeckt. Und klein waren sie auch nicht wirklich. Gute Wahl!

Steil (wirklich steil) gings nun wieder nach unten (alle Höhenmeter in kurzer Zeit futsch), um zum Cementerio de Disidentes (einem Friedhof mit fantastischem Ausblick und nicht etwa letzte Ruhestätte von politischen Dissidenten, sondern von Protestanten – hauptsächlich Briten und Deutsche, die hier ab 1825 separat von den katholischen Chilenen bestattet wurden) wieder hinauf zu radeln.
Aus unsrer kurzen Radtour wurde eine ausgewachsene Sightseeingtour!

Im Appartement angekommen gönnten wir uns einen Kaffee auf dem Balkon mit Blick auf die Hügel und bunten Häuser. Wie schon in Almaty freuen wir uns soweit oben zu sein und über diesen Weitblick.
Das Appartementhaus in dem wir untergekommen sind, hat ein Schwimmbad, einen kleinen Fitnessraum, eine Dachterasse und Waschmaschinen im Keller. Perfekt, um uns zu sortieren. Und der nächste Supermarkt ist direkt am Eck. Qual der Wahl, was wollen wir kochen. Johannes bleibt beim Fleisch hängen und kommt mit einem 1030 g schweren Steak an. Gut, dazu Salat und Rotwein (diesesmal probieren wir die Merlot Variante des Bicicletaweines)- nicht schlecht!
Satt und voller Eindrücke fallen wir spät in die Federn. Aus einer kurzen Spritztour wurde dieser wunderschöne ausgefüllte Tag. Aber morgen ist nix mit ausschlafen. Um 9.00 wird uns Jenny (wir haben sie auf der Carretera kennengelernt, sie hat Deutsch studiert, hier an der Deutschen Schule gearbeitet und wohnt in Viña del Mar) zu einem Ausflug an der Küstenstraße abholen.

Jenny fährt uns als erstes zur Blumenuhr in Viña. Von dort machen wir einen kurzen Spaziergang an der Promenade. Wie es der Zufall will, fahren wir jetzt die Küste entlang nach Reñaca und Concon, immer auf den Spuren von Karin und Holger. Hier habt ihr also gelebt, wir erkennen die auf den Bildern gezeigten Stellen wieder: das Appartementgebäude, ihr Lieblingsresti, die Pelikane, die Dünen. Und wir denken dabei viel an die Beiden. In „ihrer“ kleinen Kneipe essen wir zu Mittag bevor Jenny und wir uns in Viña an der Strandpromenade nochmal die Füße vertreten. Jenny bringt uns am frühen Nachmittag zurück, sie hat noch einen Termin. Wir nehmen uns Zeit zum kruschteln, Kaffee trinken, …


Zum Sonnenuntergang gehen wir mit einem Glas Rotwein auf die Dachterasse. Valparaiso gefällt uns gut.
Mit dem festen Vorsatz morgen auszuschlafen und es ruhig angehen zu lassen fallen wir ins Bett.

Nebel über Valpo, kein Grund zu hetzen, wunderbar!
Die erste Tasse Kaffee trinken wir im Bett, ich tippe Blogtexte und Johannes liest Zeitung – fast wie daheim.
Das ist das schöne an einem eigenen Appartement, man hat seinen ganz eigenen Rhythmus! Im Fitnessraum (ich bin nicht alleine, hier trainieren etliche auf Spinbikes, an Geräten, springen Seil) habe ich endlich wieder viel Platz für eine Pilateseinheit, der Schlingentrainer zeigt mir, dass die letzten Monate zwar die Beine viel zu arbeiten hatten, aber die Arme jammern. Oh weh, das gibt Nachholbedarf im Juli. (Und es gab Muskelkater an den folgendn Tagen).

Gegen Mittag starten wir zum Plaza Sotomayor, dort startet die Tours4Tips. Die vielen Teilnehmer werden in Gruppen eingeteilt. Wir dürfen mit Paula losziehen, die uns mit ihrer Mimik und Gestik sofort fesselt. In fließendem Englisch erfahren wir in drei Stunden viel über die Geschichte Valparaisos, fahren Ascensor, erwandern die bunten Gassen. Sehr kurzweilig erzählt sie uns Anekdoten und Wissenswertes über ihre Stadt. Am Ende gibt jeder das, was er für angemessen hält. Danach beschließen wir auf eigene Faust noch mal loszuziehen, erneut den Ascensor zum Cerro Alegré zu fahren. Für ca 0,40 € ein günstiges und uriges Fortbewegungsmittel. Jetzt hat sich der Küstennebel auch endlich verzogen und wir werden mit Ausblicken und tollen Farben belohnt.


In einem Blog haben wir gelesen, daß ein Besuch Valparaiso ohne Churillana gegessen zu haben nicht vollständig wäre. Darum haben wir uns in die empfohlene einheimischen Kneipe J. M. Cruz aufgemacht. Allein der Besuch dieser Kneipe ist ein Vergnügen. Alle Besucher verewigen sich hier mit Passfotos oder Unterschrift. Es gibt nur dieses eine Essen. An allen Tischen wird aus einem zentral stehenden Teller gegabelt.
Chorrillana ist ein chilenisches Essen, das aus einem Teller Pommes Frites mit verschiedenen Arten von geschnittenem Fleisch und anderen Zutaten besteht. Meistens Rührei oder Spiegeleier und Röstzwiebeln. Wegen seiner Größe wird es normalerweise als Gericht zum Teilen serviert.
Einfach und nahrhaft, ob gesund,….
Und viele hatten auch ein Glas mit Schaum vor sich stehen. Johannes – ganz neugierig – wollte das doch auch probieren. Nach Internetrecherche wissen wir nun auch was er da getrunken hat:
„Terremoto“ – Erdbeben.

Nein, nicht die Erde bebt, die Füße übernehmen das, wenn man zu viel davon getrunken hat. Terremoto ist quasi ein Chilenisches Nationalgetränk oder so ähnlich. Es zieht einem auf jeden Fall die Schuhe aus und ist mit Vorsicht zu genießen. In Bars bekommt man üblicherweise einen Liter serviert, wer dann noch nicht genug hat, bestellt einen „Replica“ – das Nachbeben. Gleiches Getränk, halber Liter.

Wer’s ausprobieren will:
Auf einen Liter Weißwein kommen ca. 150ml Fernet Branca, „mes y manos“ (mehr oder weniger)- je nach Geschmack, gut umrühren. Eine Kugel Ananaseis in ein Glas, Schuss Grenadine drüber, mit dem Weißweinfernetgemisch das Glas auffüllen. Mit dem Strohhalm schaumig rühren.

Wir begnügen uns mit einem gemeinsamen kleinen Glas:-)
Dann schläppeln wir gemütlich nach Hause, auch dieser Tag war wieder voller Eindrücke.

Auch sonntags lassen wir es wieder langsam angehen, lange WhatsApp-Video-Chats mit daheim, Reiseplanung etc. Der Nebel deckt Valparaiso schon wieder zu. Gegen Mittag ziehen wir los, Busfahrtkarten nach Mendoza kaufen, Johannes braucht mal wieder ’nen Friseur. Danach erkunden wir das Museo de cielo abierto. Das Freilichtmuseum Valparaíso besteht aus 20 Wandgemälden (Graffitis). Die meisten entstanden zwischen 1969 und 1973 und wurden teilweise „restauriert“. Wir fanden das ganze weniger spannend, eher chaotisch. Die vielen anderen Wandmalereien haben uns aber echt umgehauen. Danach haben wir uns die Hügel hoch und runter treiben lassen, sind durch den Friedhof auf dem Cerro Pantheon, durchs Kulturzentrum (dem ehemaligen Gefängnis)…

Es gibt so viel zu schauen und zu entdecken. Valpo ist so bunt, ist hübsch und hässlich, laut und leise, sauber und extrem schmutzig, und sehr spannend. Seht selbst:

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Montagmorgen, für heute haben wir uns nur noch einen Punkt aufgehoben, den Fischmarkt. Ganz exclusiv durften wir dem Treiben der Seelöwen in der Nähe des Fischmarktes zuschauen. Der Fischmarkt hat 6 Tage die Woche offen und wir haben genau den 7. Tag erwischt.  Außer uns lungerten nur noch streunende Hunde auf dem Gelände und viele Pelikane am Strand herum. Montags geschlossen, völlig umsonst sind wir soooo früh aufgestanden. Na ja, nicht ganz umsonst. Auf dem Heimweg haben wir zufällig Markthallen entdeckt und so gibt es heute Abend sehr gesundes Essen. Morgen fährt uns der Bus  – wieder mit „semi cama“ – nach Mendoza. Argentinien, wir sind schon fast unterwegs!dsc_3423.jpg

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