Im Nordwesten Argentiniens 

01.04.2019 Salta bis Jujuy
Endlich sitzen wir wieder auf den Rädern, bei einer Luftfeuchtigkeit von 96% schnaufe ich schon bei den ersten Steigungen. Wie soll das nur werden wenn wir in die Höhe kommen, etwas Sorge überkommt mich. Aber wie die letzten Monate gezeigt haben, ist ja alles irgendwie immer gut gegangen. Und tatsächlich nach einigen Kilometern habe ich mich eingetreppelt und meinen Rhythmus wieder gefunden. Aus Salta heraus gibt es sogar für 8 km einen Radweg, der uns vor dem enormen Verkehr schützt. Wir biegen ab auf die RN9 über die Berge und der Verkehr lässt merklich nach. Das schmale Sträßchen (eine Nationalstraße?!) windet sich moderat ansteigend durch wunderschönen Regenwald. Auf der Passhöhe beginnt es zu schütten. Wir radeln durch den Yunga, einem Nebelwald und staunen über die üppige fremdartige Vegetation.


Beim losfahren wussten wir um den Regen und hatten beschlossen nur das nötigste anzuziehen, damit dieses wenige dann als einziges nass würde. Dank der warmen Temperaturen kein Problem. Der Regen konnte also oben in die Tevas rein und vorne wieder raus laufen. Und was ein Glück 100 Hm tiefer war der Regen nur noch Niesel und dann bald danach konnten wir die Regenjacke schon wieder ausziehen. Weit sind wir heute gekommen, unerwartet, und schon um 16.00 haben wir Jujuy erreicht. Diesesmal entscheiden wir uns für ein zentrales Quartier, so können wir noch etwas von Jujuy sehen. Heute Abend soll es mords regnen, da ist ein Dach überm Kopf nicht schlecht. Wir wählen das zentral gelegene „Gran Hotel Avenida“, etwas in die Jahre gekommen aber erstaunlich günstig. Das Zimmer ist mehr als basic, aber es ist ja nur für eine Nacht. Nach einer wohltuenden Dusche haben wir uns die wenigen Highlights (Plaza Belgrano, Kathedrale, Iglesia San Francisco) angeschaut und auf Empfehlung eines Verkehrspolizisten in einem versteckt liegenden Restaurant echt fein gegessen. Es gewittert und schüttet während wir essen. Oh weh wir hatten vergessen unser Zimmerfenster zu schließen und als wir abends zurück kamen stand das halbe Zimmer unter Wasser. Die ganze Nacht trommelte es heftig aufs Dach. Und auch morgens keine Besserung in Sicht.


02.04.2019 Jujuy bis Purmamarca
Jetzt die Frage weiterradeln oder abwarten. Nachdem wir 10 Wettermodelle verglichen und Wettervorhersagen angeschaut hatten beschlossen wir die Taschen regendicht zu packen und zu starten. Fertig zum Abmarsch noch ein Blick aus dem Fenster und kurz vor die Türe.
Und dann…
… wir schauen uns an und fast zeitgleich fragen wir: „sollen wir nicht doch bleiben?“ Sturzbäche strömen auf halber Straßenbreite vorbei.
Kommando zurück, wieder ins Zimmer und schauen was der Tag bringt. Auf alle Fälle kurzmal Entschleunigung. Nun sitzen wir in dem Minizimmer, beide irgendwie unentschlossen und doch noch in Radklamotten. Um 10.30 tröpfelt es nur noch und ein gegenseitiger Blick genügt, o.k. wir radeln doch. Gut so! Denn das Wetter wurde immer besser und die regendicht gepackten Taschen wurden nicht mal getestet. Und bei einer Luftfeuchtigkeit von heute 100% war es saumäßig anstrengend! Am Ende hatten wir dann doch wieder fast 1200 Hm in den Knochen.
Die letzten Kilometer radeln wir durch bunte Felsformationen hübsch dekoriert mit einzel stehenden riesigen Kandelaberkakteen. Da vergisst man fast, dass wir schon 1000 Hm in den Beinen haben. Ein Specht hämmert an so einem Kaktus, fremdartig und bezaubernd!!


Unser Ziel heute ist Purmamarca, besser gesagt der siebenfarbige Hügel direkt am Rand des Dorfes. Nach einem selbstgekochten Kaffee vorm „Bungalow“ und einer Katzenwäsche wandern wir nochmal kurzeben den Rundweg zu den Felsen. Auf dem Rückweg entdecken wir eine kleine urige Kneipe mit lokalem Essen, Eintopf mit Lamafleisch und pastel de choclo (Maisauflauf). Wir sind mal wieder begeistert was in einen einzigen Tag alles reinpasst!

QuebradaDeHumahuaca 15

Purmamarca

03.04.2019 bis kurz vor Humahuaca
Vor dem Weiterradeln drehen wir den längeren der beiden Rundwege „Paseo de los colorados“, bestaunen die bunten und leuchtend roten Felsformationen. Fotomotive zuhauf! Dieser Ort lebt von diesem Naturschauspiel und versorgt mittlerweile Touristenmassen mit allem was man braucht und nicht braucht. Die Hotels sind relativ neu und passen gut in die Landschaft. Als hätte man sich abgesprochen liegen die meisten in gleichen Preissegment. Teurer geht aber immer:-). Auf dem zentralen Platz knüppeln Souvenirstände, wer soll das alles bloß kaufen?

Jetzt ab aufs Rad, mit etlichen Blicken zurück auf den leuchtenden Berg radeln wir die RN 9, die sich nun durch die Quebrada Humahuaca schlängelt. Die Quebrada de Humahuaca ist eine der faszinierendsten Schluchten, Südamerikas, tief unter der Rio Grande.

Die Quebrada begeistert uns sehr. Immer wieder tauchen bunte Felsmassive auf, dazwischen die riesigen verzweigten Kakteen. Seit langem machen wir Mittags mal wieder eine Siesta, der Planet brennt. Aber die heutige Tagesetappe ist kürzer und wir lassen uns Zeit. Auf dem Bahndamm der alten Eisenbahnlinie finden wir einen flachen Zeltplatz. Regen tröpfelt die Nacht leise aufs Zelt, Mist, morgen werden wir später loskommen, der Regen perlt schon länger nicht mehr ab und unser Zelt braucht ewig zum trocknen. Aber nun nach gut 10 Jahren treue Dienste, darf ich mich nicht beklagen. Die erste Tour mit dem Zelt war 2008 Ladakh. Wow, mein Zelt hat wirklich schon viel gesehen!

Nach 8 Monaten Reisen wird langsam der Verschleiß an der gesamten Ausrüstung unübersehbar: der Reißverschluss am Zelt muss ganz vorsichtig zugezogen werden, die Imprägnierung ist passé, der Benzinkocher muss ständig gehätschelt werden, die Beschichtung vom Topf ist löchrig, das Zoomobjektiv vom Foto bewegt sich nur noch mit manueller Unterstützung, an den Hosen mussten wir schon einige Nähte nachnähen, der Regen+Staubschutz vom Rucksack zerbröselt vor lauter Sonne,… Nach dem Sabbatjahr stehen also einige Ersatzbeschaffungen an, damit wir weiter mobil sind!

04.-05.04.2019 Humahuaca
Die Kilometer gehen heute einfacher, wir scheinen uns langsam an die Höhe zu gewöhnen. Schon früh sind wir in Humahuaca, quartieren uns im Hostal Inti Sayana ein. Für morgen früh hätten wir eine Mitfahrgelegenheit zu den „Serranías del Hornocal“, den 11 farbigen Bergen. Aber die Felsen werden von der Nachmittagssonne beschienen und der Wetterbericht sagt für morgen Regen voraus. Besser heute noch hoch fahren. Auf dem Weg zur Brücke (dort sollen Sammeltaxen fahren) werden wir angesprochen, wollt ihr zum Hornocal, ja, wie ist der Preis, viel zu teuer… Nach einigem Feilschen war man sich einig und wir stiegen in den Toyota ein. Nun mussten noch zwei weitere Passagiere gefunden werden, denn erst bei voll besetzem Auto wird losgefahren. Nach einer kurzen Runde durch den Ort waren noch zwei Frauen aus Buenos Aires gefunden und ab ging die Post. Von den Chicas bekamen wir Coca Blätter für die Höhe. Und so wurden wir alle mit den Blättern in der Backe auf 4350 Hm hochkutschiert. Mehrere Kilometer fährt man Serpentine für Serpentine den Berg hinauf, immer wieder öffnen sich fantastische Blicke zurück ins Tal.
Da sich das Gebiet der Miradore auf Indiogebiet befindet, wird am Eingang eine kleine Eintrittsgebühr kassiert.
Und dann öffnet sich plötzlich der Blick auf dieses Naturschauspiel.
Uns gegenüber erstreckt sich ein Gebirgsrücken, der über tausende von Metern zickzackförmig und bunt gestreift ist. Die Felsen leuchten und strahlen so farbenprächtig, Wow!
Es hat uns schier umgehauen!!!!QuebradaDeHumahuaca 02

Zurück im Ort schlendern wir durch die Gassen, Humahuaca ist eine kleine beschauliche Stadt. Gut um auszuspannen und eine Pause einzulegen.

Gute Entscheidung hier zwei Nächte zu bleiben und wirklich gute Entscheidung den Ausflug gestern gemacht zu haben! Die Nacht hat es begonnen zu regnen und es schüttet auch noch um 10:00 wie aus Eimern. Beim Frühstück sitzen wir in der Hostelküche mit den anderen Gästen und wollen gar nicht aufstehen. Seit langem mal wieder ein richtig gutes Frühstück!
Wir werden das Sauwetter nutzen zu lesen, Blog zu schreiben, Johannes muss sehen was die Forstreform bringt und studiert die endlich erschienenen Infos dazu.

Um die Mittabgszeit fragen uns zwei junge Franzosen, ob wir mit ihnen nochmal zum Mirador de Hornocal hochfahren wollen (zwei Ingenieure, die für ein Motorradrennteam arbeiten und nach dem Rennen in Argentinien noch ein paar Tage Urlaub angehängt haben). Kurzentschlossen setzen wir uns in ihren Mietwagen, der zum Glück Allrad hat, denn die Piste ist von dem vielen Regen tief aufgeweicht und ab 3300m Höhe lag sogar Schnee. Kaktus mit Schneehaube – wer hätte das gedacht. Der Blick auf die bunten Berge ist aber leider fast vollständig von den Wolken verdeckt. Wenigstens sehen wir ein paar Vicunas (eine Kamelart!).

Hier ein kurzer Bildungsblock:
Nördlich von Jujuy beginnt die Quebrada de Humahuaca, eine der faszinierendsten Schluchten Südamerikas. Die Quebrada zieht sich bis zur Stadt Humahuaca, und eröffnet auf dem Weg spektakuläre Landschaftsformen der argentinischen Anden. Nahe der bolivianischen Grenze zieht die Quebrada de Humahuaca bis auf knapp 3000 m Höhe. Unterwegs zeigen sich zerklüftete Andenberge, farbenprächtige Gesteinsformationen und atemberaubende Ausblicke ins Tal der Schlucht.
Dieser Wegabschnitt des Inka-Pfades,einem historischen Strassennetz, das die Inkas einst  als Handelsrouten nutzten, zählte zu den südlichsten Wegen im mächtigen Inkareich. Der Inka-Pfad in der Quebrada de Humahuaca ist seit rund 10.000 Jahren in Gebrauch und wurde im Jahr 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
Landschaftlich zählt die Quebrada de Humahuaca zu den beeindruckendsten Naturschauspielen der Region. Die zerklüfteten Felsen, die beide Seiten der Schlucht säumen, sind grösstenteils kahl und faszinieren mit einer atemberaubenden Farbenvielfalt und Intensität. Über dem Flusstal des Río Grande steigen sie steil in die Höhe und überraschen mit immer neuen Farbkombinationen, die wie aufgemalt scheinen. Ihre farbliche Vielfalt verdankt die Quebrada de Humahuaca der speziellen Mineralzusammensetzung der Böden in dieser Region. Durch eine besonders hohe Konzentration verschiedener Mineralien in den einzelnen Gesteinen bilden sich spektakuläre Farbkombinationen und Formen an den einzelnen Bergen.

06.04.2019 Humahuaca-Düne Huancar
Der Himmel ist wieder blau, die Sonne scheint und es ist ziemlich kalt, so knapp über Null. Die Berge ringsum sind schneebedeckt. Wir haben viel Respekt vor der heutigen Etappe: wir müssen auf 3780 Meter hoch und haben 1000 Höhenmeter zu erklimmen, wir sind noch nicht so richtig akklimatisiert und schnaufen schon hier unten. Also kurbeln wir gemächlich mit 11 Stundenkilometer langsam bergauf. Die Straße meint es auch gut mit uns und ist nie zu steil. Immer wieder müssen wir anhalten um den Blick auf die schneebedeckten Berge zu genießen und über die riesigen Kandelaberkakteen zu staunen, es ist sehr kurzweilig. Die alte Eisenbahnstrecke verläuft meistens neben der Straße, zugewachsen und oft verfallen, sieht aus wie in einem alten Western.

Altiplano 16

bei Inca Cueva

Irgendwann sind wir doch oben angekommen, in Tres Cruces. Ein paar einfache Häuser, eine Polizeikontrolle, immerhin zweieinhalb Läden und ein Abzweig zur Mine. Jetzt sind wir in der Puna angekommen, stachelige Grasbüschel alle paar Meter. Und dann geht es mit uns bergab mit Rückenwind! Wir kommen weiter als wir heute morgen gedacht hatten, bis zu den 200 Meter hohen Sanddünen kurz vor Abra Pampa (was für ein Name!). Die Sonne verschwindet, sofort wird es wieder kalt. Wir verziehen uns schnell ins Zelt, kochen wie meistens Pasta mit Tomatensauce (aufgehübscht mit Zwiebeln, Paprika und Knoblauch), bevor wir uns in die Daunenschlafsäcke kuscheln.

07.04.2019 bis La Quiaca an der bolivianischen Grenze
Am Morgen werden wir von der Sonne geweckt und haben eine tollen Blick auf dei Sanddünen hinter unserem Zelt. Immer wieder sind wir froh über die Zeltplatz Tips auf IOverlander! Und genau so froh sind wir über unsere guten Schlafsäcke,  heute Nacht hat es auch wieder unter Null und Eis auf dem Zelt, aber wir haben super geschlafen. Hier haben wir unsere ersten Andenchinchillas gesehen.
Genau rechtzeitig bei Ankunft der Wochenendausflügler, die mit Sandboards anrücken, sind wir abfahrbereit. Es ist Sonntag und die Sanddünen sind das Ziel für die Leute aus der Umgebung. Wir dürfen aber erst fahren nachdem jeder ein Selfie mit uns „Exoten“ gemacht hat.
Die Strecke heute hat kaum Höhenmeter,  wir rollen durchs beginnende Altiplano und freuen uns über die vielen Lamaherden. Mit ihren bunten Bändern im Ohr sehen sie lustig aus. Am frühen Nachmittag erreichen wir La Quiaca und für unsere letzten Argentinischen Pesos gönnen wir uns ein Hotelzimmer und ein feines Abendessen.

Morgens geht’s nach Bolivien, das 10. Reiseland in 10 Monaten.

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