Bienvenidos a Bolivia

08.04.2019 La Quiaca bis kurz vor Tupiza
Die beiden Städte La Quiaca auf argentinischer Seite und Viallzón auf der bolivianischen Seite sind komplett zusammen gewachsen und der kleine Grenzverkehr funktioniert erstaunlich gut. Zum Einkaufen gehen die Argentinier nach drüben denn dort ist es billiger. Dafür gibts in Argentinien Produkte, die man in Bolivien nicht so einfach kaufen kann.
Das Grenzprocedere geht bei der Einreise nach Bolivien überraschend unkompliziert und schnell. Ein Beamter stempelt den Ausreisestempel für Argentinien und den Einreisestempel für Bolivien in meinen Pass. Ein freundliches „Buen Viaje“ und das wars.Kaum auf der anderen Seite angekommen verändert sich das Stadtbild komplett! Alles sieht weniger aufgeräumt aus, in den Straßen wuselt es, die Frauen mit ihren typischen bunten Röcke und den schwarzen Hüte und den bunten Tüchern über dem Rücken in denen sie ihre Sachen transportieren , Straßenhändler preisen ihre Waren an. Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Wir suchen einen ATM, was sich als etwas problematisch herausstellt. Die ersten drei Geldautomaten wollen nur Mini-Beträge ausspucken. Erst bei der 4. Bank können wir umgerechnet 200 Euro in Bolivianos, der Währung hier, ziehen. Auch die Suche nach einem Lebensmittelladen ist erstaunlich kompliziert. In jedem Land sehen Läden anders aus und das Sortiment in den Läden ist genauso verschiedenen. Anscheinend müssen wir uns in Bolivien wieder auf einen etwas einfacheren Speiseplan einstellen.

Wir radeln immer auf einer Höhe von 3500 Hm, mal etwas hoch, dann wieder in ein Flußtal nach unten. Bei km 48 gehts feste bergab und wir überqueren das breite Flussbett des Rio San Juan del Oro um auf der anderen Flussseite wieder nach oben strampeln zu müssen. 20 km vor Tupiza bauen wir unser Zelt in einem Seitental auf (iOverlander Empfehlung). Es ist zwar noch früh am Tag, aber uns ist nicht nach Stadt und Trubel. Wir haben einen Schattenplatz gefunden (die Sonne sticht heute wieder erbarmungslos) und genießen die Ruhe und den Blick auf unzählige Kakteen. Hier wachsen andere Arten, sie faszinieren mich aber genauso und ich finde tausend Fotomotive.

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09.02.2019 bis Tupiza
Das erstemal seit wirklich langem konnten wir bis spät in die Nacht draußen sitzen und den Sternenhimmel bewundern. Wir verbringen eine wunderschöne Zeltnacht und ein Draußen-Frühstück hier unter Kakteen.

Beim Losfahren merken wir, dass Johannes Rad hinten einen Platten hat. Also erstmal Schaden beheben. Beim hinteren Reifen ist seit Längerem die Seitenwand gerissen, das Loch mussten wir mit einer doppelten Lage TetraPak schienen (eine Reparatur schien uns vertrauenswürdiger als einen hiesigen neuen Reifen zu kaufen). Genau am Rand vom TetraPak war jetzt der Schlauch durchgerieben.

Die 20 km bis Tupiza sind wieder sehr kurzweilig, wir radeln durch einen Canyon, rote Felsen, die wunderschöne Spitzen und Zacken formen.
Vielleicht haben sich deshalb Butch Cassidy und Sundance Kid diese Gegend hier für ihren Gangster-Lebensabend ausgesucht. Es wurde leider nichts draus, sie wurden hier in Südbolivien gestellt, haben sich in der ausweglosen Lage selbst erschossen und sind in der Nähe von Tupiza beerdigt- so zumindest die Story, die sie hier und in den Reiseführern erzählen.

Im Vorfeld hatten wir uns im Netz schon einige Hostels ausgesucht, und schon beim ersten Mitru Anex wurden wir fündig. Preis und! Qualität stimmt, super! Auf Empfehlung des Rezeptionisten machen wir uns zu Fuß auf zum Cañon del Inka. Leider mussten wir die ersten beiden Kilometer durch die „wilde Müllhalde“ des Ortes marschieren. Danach verlief der Weg aber zwischen einer grandiosen roten Felsenkulisse: eingeschnittene Canyons, geniale Felszapfen und faszinierende Säulenkakteen! Die Petroglyphen unterwegs haben wir zwar nicht entdeckt (selbst der Guardaparke meinte es wäre kaum was zu sehen) dafür aber die Puerta del Diablo (auf deutsch: Teufelspforte), das Valle de los Machos (mit großen Phallusähnlichen Steinformationen) und am Ende den immer enger werdenden Cañon del Inka. Wir haben versucht noch ein Stück hoch zu kraxeln, aber plötzlich wurde es sehr steil und feucht, da sind wir lieber wieder umgedreht. Das Organisieren von Lebensmitteln für die kommenden Tage im Ort war schwerer als gedacht. Erstmal muss die Straße mit den Lebensmittelläden gefunden werden, dann der Laden der auch das Passende hat. Wir werden wieder improvisieren müssen, um aus dem was zu bekommen war was schmackhaftes zu kreieren.
Auf der Suche sind wir im Mercado Central des Ortes gelandet, dem überdachten Markt. (Wegen der stechenden Sonne ist hier vieles überdacht, sogar die Schulhöfe unterwegs in den kleinsten Orten)
Das Sortiment und die Hygiene ist doch anders als im Nachbarland.

10.04.2019 Tupiza bis kurz hinter Cotagaita
Das Frühstück im Mitru Anex war ausgezeichnet, so gut haben wir schon lange nicht mehr gefrühstückt! Im Gegensatz zum Hotel in La Quiaca wo es für jeden gerade mal eine Tasse Kaffee und ein Hörnchen gab (Nachschlag Fehlanzeige) gabs hier ein gut sortiertes Frühstücksbuffet.
So gestärkt haben wir uns zeitig aufgemacht, auch heute wird die Sonne den ganzen Tag gnadenlos brennen und wir haben etliche Höhenmeter zu machen. In Tupiza decken wir uns noch mit Brot und viel Trinken ein. Dabei ersteht Birgit ein Beutelchen Cocablätter – mal schauen ob’s in der Höhe hilft!

Langsam kurbeln wir uns nach oben, in nicht mal 20 km klettern wir auf 3640 Hm. Der Blick zurück auf die Wildwestromantiklandschaft ist genial. Nur das Gepäck der Räder zieht ganz schön – verdammte Schwerkraft! Aber jeder Berg hat mal ein Ende! Wir hatten uns nun auf eine satte Abfahrt eingestellt, aber beide scheinen wir heute die Route nicht so genau angeschaut zu haben. Immer wieder müssen wir Flusstäler queren, was heißt: steil runter und auf der anderen Seite steil nach oben.
Wir kommen in Rio Blanco an den Fluss, aber komisch, die Straße verläuft den Fluß nach oben folgend. Wieder nix mit Abfahrt. Dann endlich der nächste Pass und nun gehts nach Cotagaita tatsächlich nach unten. Das Vergnügen ist aber leider nur eingeschränkt, denn seit Mittag weht uns ein sattes Lüftchen entgegen. Aber Wind sind wir ja gewohnt.
Wir kommen nach Cotagaita, Zwischenstopp für die Busse und LKW auf dem Weg nach Potosi. Rechts und links der Dorfstraße sind lauter Kioske und Essensstände, dazu Frauen in ihren bunten Röcken und den Bowlerhats unter der zwei lange schwarze Zöpfe herabhängen (mehr über die Kleidung der Bolivianerinnen bei welt.de).
Birgit kommt an einer Straßenküche nicht vorbei. Sie darf alle Topfdeckel lupfen und wir beschließen hier zu essen. So sparen wir uns das Kochen abends. Für Johannes gibts Picante del Carne (sah aus wie Gulasch) mit Reis und Kartoffeln, für Birgit Eintopf mit Nudeln, Fleisch und Bohnen). Satt und zufrieden rollen wir bepackt mit Milch, Brot, Käse, Obst und viiiiiel Wasser noch ein paar Kilometer bis wir in einem Flussbett ein verstecktes Plätzchen für unser Zelt finden. Etwas geschafft (die Sonne ist wirklich giftig- wir können gar nicht soviel trinken, wie unser Körper bräuchte) gönnen wir uns unsren Ritualkaffee und staunen wie weit wir wieder gekommen sind. Schon komisch, am Vormittag denken wir immer, boh ist das heute anstrengend, da schaffen wir grad mal unser Minimum, und irgendwie läufts dann doch und am Ende des Tages sind wieder gute 85 km und über 1000 Hm gemacht.
Am Abend ist es immer noch ungewöhnlich warm, wir liegen lange vor dem Zelt, schauen Milchstraße, Sterne und Sternschnuppen an und wünschen uns was…

11.04.2019 bis 20 km vor Vitichi
Der Himmel ist bewölkt, was ein Glück, da müssen wir bergauf nicht gar so leiden. Schnaufen müssen wir aber schon! Erst hoch, dann hügelig, dann tief ins nächste Tal und natürlich genauso wieder hoch. Birgit ist etwas gefrustet, weil wir abends trotz 1200 Höhenmetern in den Beinen nicht höher sind als am Morgen. Unterwegs werden wir aus einem Auto heraus auf Deutsch begrüßt: ein polnischer Pfarrer auf dem Rückweg nach Tupiza. Seine Pfarrei ist so groß wie bei uns eine halbe Diözese. Er hätte uns sogar Krakauer Wurst zum Essen angeboten! Wir hatten aber im letzten Dorf gerade einen bolivianischen Hamburger gegessen, aufgeschnittenes Brötchen mit Spiegelei und Tomatenscheibe.
Kurz vor dem nächsten Pass ist bei Johannes die Luft raus – ein winziger Dorn im Hinterreifen. Hier hat es soviel stachelige Pflanzen, so dass jedes Verlassen der Straße riskant ist.


Unser Zeltplatz liegt schön einsam, denken wir! Aus dem Nichts steht ein Ziegenhirte neben uns. Wir betreiben Smalltalk so gut es geht und erfahren, dass er im nächsten Dorf 9 km weg wohnt, eine Frau und 4 Kinder, 1 Kuh, 2 Schafe, 3 Hunde, Kaninchen, Hühner und 200 Ziegen hat (die umgerechnet zwischen 20 und 100 Euro wert sind). Also ist er schon eher der Großbauer hier. Mehrmals erwähnt er wie schön und toll unser Benzinkocher wäre – wir werden ihn heute Nacht zur Sicherheit mal ins Innenzelt nehmen…

12.04.2019 Kurz vor Cuchu Ingenio
Am nächsten Morgen war der Benzinkocher natürlich noch da, Johannes Befürchtungen waren umsonst. Trotzdem haben wir unruhiger als sonst geschlafen. Ähnlich wie im Pamir am Panj radelten wir heute an einem breiten „namenlosen“ Fluss (unser Osmand spuckt leider keinen Namen aus) entlang. Das Wasser ist unnatürlich gelb, ob das an den Minen oben am Berg liegt? Die Straße schlängelte sich genau wie der Fluss und in stetigem Auf und Ab haben wir langsam Höhe gewonnen. Unterwegs erstehen wir an einem Straßenstand bei einer wettergegerbten Bolivianerin frischgebackenes Fladenbrot und Ziegefrischkäse. Mmmhhmmm was ein feines Mittagessen!

Johannes ging schon wieder die Luft aus, die Innenverstärkung (durch ein Stück Tetrapack) des defekten Mantels reibt den Schlauch immer wieder kaputt. Jetzt schient er den Mantel mit einem Klebeflicken (für Rennradmäntel) aus meinem Flickset, das ich in Dubai erstanden habe. Hoffentlich hält das nun länger. Dennoch muss in Potosí oder Sucre wohl ne andere Lösung her!
Heute haben wir wieder etwas Strecke gemacht und schlafen tatsächlich 500 m höher als gestern Abend !!!
Die Suche nach einem Zeltplatz war nicht so einfach. Das fruchtbare Flusstal ist stark bevölkert und wo es keine Häuser hat stehen Kakteen. Aber, ein Geschenk des Himmels, schlussendlich finden wir ein sichtgeschütztes Plätzchen mit Wiese (wann hatten wir das letzte mal Gras unter dem Zelt?) an einem plätschernden kleinen Bach. Frischgewaschen, hier mal mit viiiiiel Wasser, (unsre Waschlappen erweisen uns regelmäßig auch mit weniger Wasser gute Dienste) schmeckt der Kaffee gleich nochmal so gut. Richtung Norden sehen wir schon die hohen Berge, über die wir morgen strampeln müssen, bis über 4300 führt die Straße nach Potosi.

13.04.2019 bis Potosi
Nachts wurde das Gurgeln des Baches immer leiser und morgens war nur noch ein kläglicher Rest am Plätschern. Entweder ist der Zufluss oberhalb zugefroren oder das Wasser wird oberhalb zum Bewässern abgezweigt. Auf unserm Zelt lag mal wieder dick der Raureif und die Temperaturen waren echt zapfig.
Seit Salta haben wir uns langsam auf 3400 m hochgearbeitet, insgesamt gut 7000 Höhenmeter. Heute geht’s noch mal über 1000 m höher auf 4300 m, seit dem Pamir-Highway sind wir nicht mehr so hoch geradelt. Wir sind zwar gut akklimatisiert, aber der Sauerstoff fehlt halt doch. Langsam kurbeln wir mit 6% Steigung bergan. Und dann bläst uns auch noch der Gegenwind ins Gesicht. Da freut man sich, dass der Wind zusätzlichen Sauerstoff in die Lungen drückt, damit man mehr Power hat, um gegen den Wind zu Radeln… Oder eben auch nicht!
Wir kommen an einem Unfall vorbei und wundern uns nicht. Hier wird trotz durchgezogenen Linien, vor Kuppen und in Kurven überholt, da ist es nur eine Frage der Statistik, bis es scheppert. Aber wenigstens sind die Autofahrer freundlich: mit Hupen, Daumen hoch und „fuerte“-Rufen werden wir bergauf angefeuert.
Vom ersten Pass auf 4200m haben wir dann den Blick auf den Cerro Rico bei Potosi, der Berg, von dem Unmengen von Silber die spanische Kolonialmacht finanzierten. Das ganze Hochtal bis dorthin ist von Minen durchlöchert. Überall auch künstliche Wasserbecken zum Ausspülen und Trennen der Metallpartikel. Johannes darf auf einen LKW steigen und sich die 17 Tonnen erdige Ladung anschauen: 20 % davon sind Silber, der Rest Blei. Der LKW-Konvoi macht sich nach dem Wiegen auf ins chilenische Arica, veredelt wird in China, USA und in Deutschland. Was aus dem Wasser mit den restlichen Bestandteilen wird können wir uns vorstellen, wir trauen uns nicht Wasser aus den Bächen zum Kochen zu schöpfen. Da wir auch sonst an kein Trink-Wasser kommen beschließen wir noch über den 4350 m hohen Pass bis nach Potosí durchzuradeln. Unser Hostel dort ist in einem 400 Jahre alten Kloster, einfach und malerisch, mit Blick auf den durchlöcherten Cerro Rico.


Bei Dunkelheit drehen wir noch eine erste Runde zum zentralen Platz, der heute besonders sicher sein müsste. Die Polizeiuniversität feiert ihr Jubiläum und wir bekommen gleich eine kostenlose Kulturshow von Inka-Tanz über Panflöte bis moderner bolivianischer Musik.

 

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