Potosí – einst reichste Stadt der Welt

14.04.2019 Palmsonntag in Potosi
Gemütlich lassen wir den Tag angehen, im kleinen Minimercado nebenan gehen wir frühstücken. Wir quatschen dort lange mit Anke und Torsten aus Düsseldorf , die auch im Sabbatjahr unterwegs sind. Danach schlendern wir durch Potosí, überall finden wir Reste der prächtigen Kolonialarchitektur. Der Glanz der vergangenen Zeit bröckelt zwar sehr, aber schon imposant welch Bauten dort mit dem Silber aus dem „Hausberg“ errichtet wurden.

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Gegen 1611 war Potosí mit 150.000 Einwohnern zu einer der größten und der reichsten Städte der Welt aufgestiegen, wobei ca. 13.500 Menschen unter Tage Silber förderten. Man will sich nicht vorstellen zu welchen Bedingungen. Die spanischen Besatzer haben Einheimische wie afrikanische Sklaven unter erbärmlichsten Bedingungen in die Minen gezwungen.
Nach Einbruch des Silberpreises und einiger Seuchen schrumpfte zwischendurch die Einwohnerzahl auf ca. 75.000. Jetzt leben wieder knapp 175.000 hier. Viele davon leben immer noch vom Bergbau. An den Arbeitsbedingungen hat sich wohl nicht viel verbessert. (für Montag haben wir uns zu einer Minentour angemeldet, um uns ein eigenes Bild von den „Grauen“ zu machen)

Wegen Palmsonntag ist in der Innenstadt um die Mittagszeit tote Hose, kein Café zu finden. Im (auch schon fast geschlossen) Mercado Central erstehen wir alles für das morgige Frühstück und einen Nachmittagskaffee. Im Hostel zurück genießen wir den ruhigen Innenhof. Johannes bastelt am Benzinkocher rum, Birgit erledigt Wäsche, der Blog will gehegt werden. Später ziehen wir nochmal los, wir wollen hoch zum Mirador „Torre de la Compania de Jesus“ beim Tourist Office.
Hinterher hängen wir am Platz ab, schauen den Vorbereitungen für den Palmsonntagsgottesdienst zu. Neben uns auf der Parkbank sitzt eine Bolivianerin, die in Braunschweig lebt und auf Heimaturlaub in Potosí ist. Wir kommen ins Gespräch, von der Parkbank nebendran klinken sich zwei junge Damen ein. Eine Tirolerin und eine Regensburgerin, die beide in St. Gallen arbeiten und wir tauschen Urlaubserfahrungen etc. aus.
Jetzt knurrte der Magen, aber Sonntag sind hier irgendwie alle Restaurants geschlossen, fein Essen Fehlanzeige. Schlussendlich landen wir in einer Kneipe zwischen Einheimischen und essen fritiertes Hühnchen mit Pommes.
Der Open Air Palmsonntagsgottesdienst ist für uns eine ganz besondere Erfahrungen. So ganz anders als Zuhause feiert man mit lebhaften Liedern, der Chor tanzt und winkt wie das Fernsehballett und alle wedeln wild mit ihren Palmzweigen. Zwischen den Gottesdienst -Besuchern schlängeln sich Essensverkäufer (hier muss keiner während des Gottesdienstes hungern) und an jeder Ecke kann man geflochtene Palmwedel erstehen.
Die Kälte treibt uns dann aber zurück ins Hostel unter die warmen Überdecken. Nach Sonnenuntergang sinkt die Temperatur in dieser Höhe schlagartig.

 

15.04.2019 Zu Besuch beim Teufel oder eine Führung in eine Silbermine von Potosí

Potosi 19

Der Besuch in den Silberminen von Potosi  war mit Sicherheit mit eine meiner bewegtesten Erfahrungen in Südamerika (interessanter Artikel beim Deutschlandfunk).
Historisch liegt  die Bedeutung von Potosi vor allem in der Förderung von Silber im Cerro Rico. Als die spanischen  Eroberer den versteckten Reichtum im Berg bemerkten, begannen sie sofort mit intensiven Ausgrabungen. Tausende von  Indigenas wurden versklavt und zur Arbeit in den Minen gezwungen! Zusätzlich wurden Sklaven aus Afrika nach Bolivien verschifft. Da die aber die Höhe nicht gewohnt waren, starben die Meisten von ihnen schon bevor sie in die Stollen gezwungen wurden. Doch auch die Einheimischen überlebten aufgrund der unvorstellbaren Bedingungen in den Minen nicht  lange  – in den drei Jahrhunderten der spanischen Herrschaft ließen vermutlich insgesamt ca. 8 Millionen!!! Menschen in den Minen ihr Leben und verhalfen Spanien zu unglaublichen Reichtum. Doch im frühen 19. Jahrhundert wurde immer weniger Silber gefördert und vom drastischen Fall des Silberpreises Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die Stadt nie wieder ganz erholt. Heute sind die Minen immer noch in Betrieb, gefördert wird heute aber vor allem Zink und Blei.
Erschreckend ist vor allem, dass sich die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter seit dem 16.  Jahrhundert kaum verändert haben…
Pünktlich am Hostel abgeholt und nach einer kurzen Fahrt wurden wir in einem Hof ausgeladen. Hier wurden wir komplett mit Überhosen, Jacken, Gummistiefeln,  Helm und Lampen ausgestattet. Außerdem gab minentaugliche Rucksäcke um unsere Getränke und, ganz wichtig, unsere Mitbringsel für die Arbeiter zu verstauen.

So präpariert wurden wir zum Mercado de Mineros gefahren um die Geschenke für die Miner/ Grubenarbeiter zu erstehen. Dieser Markt ist wohl der einzige Ort dieser Welt wo man als Tourist Dynamit kaufen kann! Unser Guide José erklärte uns was die Miner benötigen: Saft, Wasser, Cocablätter,  Zigaretten und eben auch Dynamit. Johannes beschloss, unser Geschenk soll eine Stange Dynamit sein. Für 25 Bolivianos haben wir also eine Stange Dynamit einschließlich Zündschnur und ein Beutel Amoniumnitrat als Sprengkraftverstärker erstanden. Bestens gerüstet wurden wir nun zur Minenkooperative gefahren. In „professioneller Schutzkleidung“  marschieren wir also in den Stollen und im Gänsemarsch hinter José immer tiefer in den „Berg, der Menschen frisst“ hinein.

Durch Matsch, Pfützen und Geröll geht es entlang der grobverschraubten Schienen der Loren. Zu Beginn war die Luft noch passabel,  Kompressoren haben Frischluft hineingeblasen. Das hat sich aber nach und nach verändert. Je weiter wir in den Berg hineinmarschiert sind, desto wärmer und schlechter wurde die Luft. An einigen Stellen mussten wir auf sehr schmalen Bretter über tiefe Löcher balancieren. Der Deutsche TÜV wurde heulen! Es sterben jährlich wohl ca. 30 Menschen in den Minen weil sie in Löcher fallen, die Decke einstürzt oder sie an Kohlenmonoxid Vergiftung sterben. Super Vorstellung,  nur nicht Nachdenken,  die Holzbalken werden schon halten. Eine Kletterpassage mit der Leiter von der Hauptgang zur oberen Etage ließ den Adrenalinspiegel schlagartig ansteigen. Dann noch über ein Brett balancieren und noch weiter über Geröll klettern. Nachdem der Japaner aus der Gruppe fast ins Loch darunter gerutscht wäre,  war für mich klar, diesen Programmpunkt muss ich nicht haben. Zumal das eh ne Sackgasse gewesen wäre.
Wieder zurück im Stollen treffen wir immer wieder Miner am arbeiten, Steine in die Loren füllen und dann aus dem Stollen schieben.
So nach und nach verteilen wir die mitgebrachten Geschenke an die Arbeiter.
Jeder von ihnen hat einen großen Ball Cocablättern in der Backe. Ohne Coca wäre die Arbeit hier nicht möglich, es sorgt für eine bessere Sauerstoffaufnahme und lässt die Arbeiter Hunger und Müdigkeit nicht spüren. Deswegen ist eine Tüte Cocablätter ein gern gesehenes Geschenk.

Bis zu den oberen bzw. unteren Ebenen, wo die Arbeiter Löcher bohren und sprengen, kommen wir mit unserer Führung nicht. Den schlimmsten Teil der Arbeit haben wir also gar nicht zu Gesicht bekommen.
Das ins Freie transportierte Erz wird dann an eine Firma verkauft, die das Gestein klein zermahlt und mit Chemikalien und im Flotationsverfahren die Metalle vom Rest trennt. Ich vermute, dass mit jedem weiteren Verarbeitungsschritt der Gewinn=Lohn steigt und die Minenarbeiter leider trotz des gefährlichsten Jobs im wahrsten Sinne des Wortes „ganz unten“ sind. Ihr Einkommen beträgt zwischen 15 und 20 Euro am Tag (aber natürlich nur an den Arbeitstagen! Sie sind trotz der so nett klingenden Bezeichnung „Cooperative“ eigentlich Tagelöhner, Geld während Krankheit oder Rente gibt’s nicht.

In jeder der 250 Minen gibt es eine Nische, in der Tio sitzt. Tio ist der Teufel, der Herrscher der Unterwelt, dem Opfergaben gebracht werden. Um ihn gnädig zu stimmen, damit Unheil abgewehrt wird, das Gestein viel Erz enthält etc.
Tio ist mit Pacha Mamá (Mutter Erde) verheiratet und ihr Kind ist das Erz der Mine. Und weil Pacha Mamá seehr eifersüchtig ist dürfen auch keine Frauen im Berg arbeiten.
Für Pacha Mamá wird als Opfergabe Alkohol versprenkelt und der Rest getrunken (96 % Alkohol, unglaublich).
Ich glaube alle Bergleute auf der ganzen Welt sind abergläubisch!
(Tio ist ein Relikt der Spanier, die haben den Minenarbeitern erzählt, der Dios würde aufpassen, ob sie ordentlich arbeiten. Wenn nein würde er sie bestrafen. (Zum “ Bewachen“ wurde darum in jede Mine eine Teufelsfigur angebracht.) Da die Quetchua kein „D“ aussprechen konnen, wurde aus Dios Tio)

Als wir nach den 3 Stunden im Berg wieder am Tageslicht ankam waren wirklich alle sichtlich erleichtert.
Nach der Tour gab es dann auch viel zu verarbeiten, die Gruppe ging geschlossen noch Empanadas essen und dabei mussten manche hochkommenden Emotionen verarbeitet werden, es gab viel Gesprächsbedarf. Die junge Französin, die in der Mine die Tränen nicht zurück halten konnte,  meinte sie würde sowas nie wieder in ihrem Leben machen. Viel zu viele Gefahren, angefangen bei den Löchern bis zum Silikonstaub.

Potosi 13

Silikatkristalle

Die meisten Miner sterben mit 50 Jahren an Silikose, wir haben die Kristalle von der Decke rieseln sehen. Wir waren zum Glück nur kurz in der Mine. Die nächste Diskussion ging darum ob es zu voyeuristisch wäre,  das Leiden der Arbeiter zu „bestaunen“?
Aber eigentlich waren wir uns dann doch einig, dass es eine sehr lehrreiche Erfahrungen war, zu sehen, in welch miserablen Bedingungen Menschen arbeiten und wir demütig auf unsere eigenen Lebenswelten schauen können. Mann, was geht es uns doch gut!!!

Nach einer kurzen Pause im netten Innenhof unsres Hostels und weiteren Gesprächen zur Minentour ziehts uns nochmal ins Städtle und wir besichtigen die Cathedrale und genießen vom Glockenturm den Blick über Potosí.  So langsam haben wir uns gut an die Höhe hier gewöhnt. Wir schlafen super und schnaufen die steilen Stufen nach oben nur noch etwas.
Die Eindrücke des Tages beschäftigen mich noch lange und noch beim Abendessen drehen sich unsere Gespräche über die Tour. Johannes hat die Mine wohl weniger „aufgewühlt“.

16.04.2019  Unser letzter Tag in Potosí
Heute Morgen hat das Museo Casa de Moneda offen. Vor unsrem Ausflug wollen wir hier etwas über Münzprägung und Entstehung des Geldes erfahren. Die alte Münzpräge Boliviens ist seit 1956 Museum und zeigt die Produktion der Silbermünzen und Geldstücke seit dem.16. Jhd. Mit lebensgroßen Puppen und original Gerätschaften war es super anschaulich. Jetzt weiß ich nicht mehr welche Arbeit gefährlich war, die in den Minen oder das Schmelzen des Silbers. Die Sklaven mussten unter ernormer Hitze und unter giftigen Dämpfen am Schmelztiegel stehen. Das Museum kann nur mit einer Führung besucht werden. In der Führung auf englisch waren wir nur zu dritt. So konnten wir doch einiges erfahren und nachfragen.

Zurück auf der Straße trafen wir direkt auf eine der vielen Prozessionen in der Karwoche. Schulweise ziehen die Kinder begleitet von „Blasmusik“ in Anzügen, Kleidchen und Nonnengewänder durch die Straßen. Dazwischen Erwachsene in „Ku-Klux-Clan“ Trachten. Für uns sehr komisch anmutend.

Danach fahren wir mit einem Colectivobus nach Tarapaya. Gute 20 Minuten müssen wir laufen und dann stehen wir vor der Vulkanlagune.Potosi 05

Wikipedia: Tarapaya ist bekannt für seine heißen Quellen, die – neben zahlreichen Badeanlagen – auch eine Vulkanlagune speisen, die „El Ojo del Inca“ (das Inkaauge) genannt wird. Vorspanischen Quellen zufolge sollen die Inka aus dem fern gelegenen Cusco die beschwerliche Reise in den tiefen Süden des Reiches auf sich genommen haben, um von der Heilwirkung des heißen Wassers in Tarapaya zu profitieren. Das Baden in der Lagune ist nicht ungefährlich, wobei unklar ist, ob tödliche Unfälle dort durch Leichtsinn der Schwimmer oder durch plötzliche Strudel geschehen sind, von denen Einheimische berichten.

Wegen dieser tödlichen Unfälle ist das Schwimmen in der Lagune leider momentan verboten. Was aber noch geht ist  für 10 Boliviano das Abtauchen in das eingefassten 32 Grad warme Thermalbecken. Das heiße Wasser soll gut bei Gelenkproblemen sein,  genau das Richtige für Radlerknochen!! Wir bekamen noch Schlamm für eine Ganzkörperpackung, das soll suuuuper für Gelenke sein. Ich habe mich dann auch ganz brav von oben bis unten eingeschmiert und das Ganze an der Sonne eintrocknen lassen. Ob’s hilft weiß ich nicht, lustig war’s auf alle Fälle. Jetzt sollte die Etappe nach Sucre ein Kinderspiel sein.

Zurück in Potosi haben wir uns im Mercado Chuquimia, ganz wie die locals, gestärkt. Morgen geht’s weiter, mal schauen.

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