Große Löcher

Unser Appartement hier in Calama gibt uns drei Tage „Normalität“. Eine Waschmaschine, die gut sortierte Küche, zwei Räume mit je eigenem Bad, Blick aus dem sechsten Stock über Calama. Platz für uns und Platz für Lisi und Max, die heute nach Nachtfahrt von Arica hierher dazugestoßen sind. Wir sitzen lange am Frühstückstisch und quatschen, bis Ihnen fast die Augen zufallen. Der Schlaf im Nachtbus war wohl doch nicht ganz so erholsam. Schön die Beiden hierzuhaben!!
Gemeinsam nehmen wir an einer Führung durch Chuquicamata teil.
Chuquicamata ist eine der größten Kupfertagebauminen und damit der wohl bedeutendste Kupferproduzent weltweit. Insgesamt besitzt Chile rund 1/3 der Kupfervorräte und liefert auch 1/3 der Weltjahresproduktion. 35% des BIP kommen vom Kupferbergbau, entsprechend hoch ist das Thema in der Regierung eingehängt – und entsprechend „großzügig“ ist man bei den Umweltstandards.

Am Besucherzentrum von Codelco werden wir mit Helmen und orangen Warnwesten ausgestattet und los geht’s in einem Reisebus, voll besetzt mit Besuchern. Wir rollen vorbei an riesigen Abraumhalden (über 100 m hoch und von den Einheimischen Tortas, für uns cakes, genannt). Auf dem Weg passieren wir verschiedene andere Bergwerke, auch die 4 Jahre alte hochmoderne „Mina Ministro Hales“. Sie wird per Joystick aus Santiago gesteuert – verrückte Welt!
Hier gibt es neben Kupfer unter anderem auch Silber, Molybdän oder Arsen. Es geht hinauf ins 2.850 Meter hoch gelegene Chuquicamata. Wir fahren durch die riesigen Industrieanlagen von Codelco (ein seit 1971 staatseigener Betrieb) bis zur Einfahrt der Mine und müssen warten. Leider bläst der Wind mit 90 km/h zu heftig und so wird uns der Blick in das tiefe Loch und die Weiterfahrt verboten.

Was wir gerne gesehen hätten:
Das angeblich größte, je von Menschen geschaffene Loch. Zumindest wird in einschlägigen Informationen Chuquicamata als größter Tagebau der Welt bezeichnet. Laut Wikipedia ungefähr 4.300 m lang, 3.000 m breit und bis zu 1.100 Meter tief! Unvorstellbare Dimensionen!! Seit 1915 wurde hier tiefer und tiefer gegraben – aber ab 2020 ist oberirdisch Schluss.
Zu groß ist der Aufwand inzwischen im Verhältnis zu Ertrag: Die gewaltigen Lastfahrzeuge, die das erzhaltige Gestein nach oben befördern, brauchen pro Minute viereinhalb Liter Kraftstoff und eine Stunde Zeit, bis sie die zwölf Kilometer lange Strecke aus den Tiefen der Mine zur Verarbeitung an den Rand des gewaltigen Abgrunds befördern. Dort übernehmen dann noch größere Trucks mit Reifen, die einen Durchmesser von vier Metern haben, die Last – und dafür werden neben japanischen Maschinen auch deutsche, und zwar die von Liebherr, eingesetzt. Als Alternative für den nicht mehr wirtschaftlichen Tagebau werden bereits heute gewaltige Stollen gegraben, in denen ab nächstem Jahr der Kupferabbau unterirdisch fortgesetzt werden soll. Wichtigster Abnehmer des chilenischen Kupfers ist im Übrigen, wenig überraschend, China. Das bedeutete natürlich einen gewaltigen Strukturwandel und einen enormen Arbeitsplatzabbau für die Region. Eine unsichere Zeit für die Bergarbeiter also, die vor etwa zehn Jahren ohnehin schon eine einschneidende Veränderung hinnehmen mussten: Die Bergarbeiterstadt Chuquicamata gleich neben dem Tagebau, mit allen Einrichtungen des täglichen Lebens wie Rathaus, Veranstaltungshalle, Kirche, Fußballstadion, Kneipen, Hotels und Krankenhaus wurde wegen des vom Tagebau herüberwehenden gesundheitsschädlichen Staubs 2007 einfach „zugesperrt“. Alle Bewohner mussten den Ort verlassen und nach Calama umsiedeln.
Seitdem ist Chuquicamata eine Geisterstadt. 40% der ehemaligen Bergarbeiterstadt ist schon bedeckt vom Geröll des Abraums. Der Rest soll für die Nachwelt erhalten werden. „Chuquicamata ist Teil ihrer Kultur und gehöre zur Geschichte Chiles“ erklärt unser Führer. Irgendwann soll daraus darum einmal ein Freilichtmuseum werden. Momentan sind die Straßen zu den Wohnsiedlungen normalerweise abgesperrt; Aber weil heute halt sonst nichts geht dürfen wir Besucher ausgiebig auf fest vorgegebenen Straßen (bloß ja nicht den Weg verlassen, da versteht unser Guide echt gar keinen Spaß und Fotos bitte nur da wo erlaubt!) durch den menschenleeren Ort spazieren – eine seltsame Stimmung breitet sich hier aus, denn die Gebäude machen noch einen ziemlich gepflegten Eindruck und wirken so, als warteten sie nur auf die Rückkehr ihrer ehemaligen Bewohner.
Kupfergewinnung scheint ein echt „dreckiges“ Geschäft zu sein, das ist der bei uns bleibende Eindruck. Wir googeln hinterher im Netz. Sogar die Bundesregierung hat eine Untersuchung zu den Umwelt- und Sozialauswirkungen des Kupferabbaus hier erstellen lassen: kritisch sind Schwefeldioxid und Arsenstaub in der Luft sowie der extreme Wasserverbrauch in der trockensten Region der Erde, die natürlich nicht ohne Auswirkungen auf Umwelt und Menschen bleiben. BMW hat zusammen mit Codelco ein Projekt für „grünen“ Kupfer gestartet (in jedem PKW sind rund 25 kg Kupfer enthalten); aber Kritiker halten das für ein Marketinginstrument, „ökologischer“ Kupfer wäre praktisch unmöglich.

Ein ganz gutes Video über Chuquicamata gibts auf youtube.

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